Die deutsche Wirtschaft stagniert seit vier Jahren. Experten sehen in der Digitalisierung, insbesondere Künstlicher Intelligenz, einen entscheidenden Hebel, um das Wachstum wieder anzukurbeln und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Eine aktuelle Diskussion in Frankfurt am Main beleuchtete die Herausforderungen und Chancen.
Wichtige Erkenntnisse
- Deutschlands Wirtschaft stagniert seit 2020.
- Das Potenzialwachstum liegt nur noch bei 0,4 Prozent.
- Digitalisierung kann die Produktivität deutlich steigern.
- Die Nutzung von KI nimmt in Unternehmen zu.
- Digitale Souveränität und Resilienz sind entscheidend.
Wirtschaftliche Stagnation und sinkende Wettbewerbsfähigkeit
Nach einer kurzen Erholung von der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 hat die deutsche Wirtschaft in den letzten vier Jahren kaum Wachstum gezeigt. Dies ist besorgniserregend und deutet auf tiefgreifende strukturelle Probleme hin. Der wachsende Arbeitskräftemangel, niedrige Investitionen von Unternehmen und geringe Produktivitätszuwächse sind zentrale Ursachen dieser Entwicklung.
Das mittelfristige Potenzialwachstum, also der erwartete Wachstumstrend der deutschen Wirtschaft, hat sich erheblich verlangsamt. Schätzungen der Bundesbank beziffern es auf nur noch 0,4 Prozent. Diese Zahl verdeutlicht, warum deutsche Exportprodukte im Vergleich zu ihren Absatzmärkten langsamer wachsen. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hat in den letzten Jahren gelitten.
Faktencheck: Wachstumsdefizit
Hätten die deutschen Exporte mit dem Wachstum der Absatzmärkte Schritt gehalten, wäre die deutsche Wirtschaft zwischen 2021 und 2024 um fast 2,5 Prozentpunkte stärker gewachsen.
Digitalisierung als Motor für Produktivitätssteigerung
Gerade die Digitalisierung bietet enorme Möglichkeiten, das Produktivitätswachstum zu erhöhen. Eine Studie der Bundesbank aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Produktivität in den Digitalsektoren im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen stark gestiegen ist. Sie war im Durchschnitt siebenmal stärker.
Zwischen 1996 und 2020 stieg die totale Faktorproduktivität in digitalen Sektoren wie elektronischen und optischen Erzeugnissen oder Information und Kommunikation um durchschnittlich 3,5 Prozent pro Jahr. Im Gegensatz dazu wuchs sie in nicht-digitalen Sektoren nur um etwa 0,5 Prozent jährlich. Dies unterstreicht das enorme Potenzial, das in der Digitalisierung steckt.
Künstliche Intelligenz: Ein wachsender Trend
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) hat in deutschen Unternehmen deutlich an Fahrt aufgenommen. Mitte 2024 nutzte oder plante weniger als ein Drittel der Unternehmen den Einsatz generativer KI. Ein Jahr später waren es bereits über 40 Prozent. Dies zeigt eine klare Tendenz zur Integration dieser Technologie in Geschäftsprozesse.
Eine weitere Bundesbank-Studie aus diesem Jahr ergab, dass eine Mehrheit von 54 Prozent der Unternehmen, die bereits KI nutzen, eine deutliche Steigerung ihrer Arbeitsproduktivität erwarten. Im EU-Vergleich liegt Deutschland beim Einsatz von KI auf Rang 8. Obwohl dies eine gute Position ist, besteht in Skandinavien eine höhere Nutzung, was weitere Verbesserungsmöglichkeiten für Deutschland aufzeigt.
„Um wieder auf einen steileren Wachstumspfad zu kommen, braucht es Strukturreformen und gerade im Bereich der Digitalisierung gibt es Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern.“
Zentralbanking und Technologie: Die Rolle der Bundesbank
Auch die Bundesbank selbst setzt auf digitale Zukunftstechnologien. Sie betreibt ein eigenes Rechenzentrum und europäische Zahlungsverkehrsinfrastrukturen wie TARGET. KI wird in vielfältiger Weise eingesetzt, beispielsweise im Risikocontrolling, wo mehrstufige neuronale Netze helfen, Gegenparteirisiken frühzeitig abzuschätzen. Im Meldewesen dient KI-basierte Mustererkennung der Qualitätssicherung von Daten.
Im IT-Bereich wird zukünftig der SaaS-AI-Agent (Software as a Service) die fachlichen Anforderungen mit der bestehenden Software-Landschaft der Bundesbank abgleichen. Das Forschungszentrum der Bundesbank nutzt KI nicht nur, sondern analysiert auch deren potenzielle Auswirkungen auf den Finanzsektor. Die Implementierung dieser Technologien ist ein klares Zeichen für die Notwendigkeit, mit dem digitalen Wandel Schritt zu halten.
Was ist Totale Faktorproduktivität?
Die Totale Faktorproduktivität (TFP) misst den Teil des Output-Wachstums, der nicht durch den Einsatz von mehr Kapital oder Arbeit erklärt werden kann. Sie ist ein Indikator für technologischen Fortschritt und Effizienzsteigerung.
Digitale Abhängigkeiten reduzieren und Souveränität stärken
Angesichts geopolitischer Entwicklungen ist es entscheidend, digitale Souveränität und Resilienz zu stärken. Europa importiert über 80 Prozent der digitalen Infrastruktur und Technologien. Diese hohe Abhängigkeit kann die Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten einschränken.
Die Bundesbank hat eine Untersuchung ihres IT-Stacks durchgeführt, um technologische Abhängigkeiten zu identifizieren. Solche Analysen sind für alle Institutionen und Unternehmen ratsam. Auf dieser Basis können strategische Entscheidungen getroffen werden, welche Abhängigkeiten bewusst eingegangen und welche reduziert oder aufgelöst werden sollen.
Die Bundesbank verfolgt eine Doppelstrategie: Einerseits stärkt sie ihre Innovationskraft, andererseits handhabt sie Abhängigkeiten strategisch. Sie setzt gezielt auf souveräne, europäische Angebote und Open-Source-Lösungen, um unabhängiger zu werden. Dies ist ein wichtiger Schritt, um die digitale Sicherheit und Autonomie Deutschlands und Europas zu gewährleisten.
Fazit: Strukturreformen und Investitionen in das Ökosystem
Um die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland wieder zu beleben, sind Strukturreformen unerlässlich. Die Digitalisierung, insbesondere der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, bietet dabei einen vielversprechenden Ansatzpunkt zur Steigerung der Produktivität. Es ist entscheidend, diese Zukunftstechnologien in Europa anzuwenden und gleichzeitig in das entsprechende Ökosystem hier in Deutschland und Europa zu investieren.
Die Bundesbank geht hier mit gutem Beispiel voran und investiert aktiv in diese Bereiche. Eine konzertierte Anstrengung von Politik, Wirtschaft und Forschung ist notwendig, um die Chancen der Digitalisierung voll auszuschöpfen und Deutschland wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu führen.





