Tausende Menschen greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln, die Glucosamin und Chondroitin enthalten, in der Hoffnung, ihre Gelenke zu schützen oder Schmerzen zu lindern. Doch Experten warnen eindringlich vor einem oft nicht belegten Nutzen und möglichen Gesundheitsrisiken. Die Versprechen der Hersteller sind oft irreführend und wissenschaftlich nicht haltbar, wie aktuelle Untersuchungen zeigen.
Wichtige Erkenntnisse
- Nahrungsergänzungsmittel mit Glucosamin und Chondroitin dürfen nicht mit positiven Gelenkwirkungen beworben werden.
- Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für eine vorbeugende oder knorpelregenerierende Wirkung.
- Mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten und Risiken für bestimmte Personengruppen bestehen.
- Qualitätsmängel bei Nahrungsergänzungsmitteln sind ein bekanntes Problem.
- Experten empfehlen bei Gelenkbeschwerden ärztlichen Rat und Bewegung statt teurer Pillen.
Fragwürdige Versprechen und fehlende Beweise
Die Werbung für Glucosamin- und Chondroitin-Kapseln verspricht oft "gesunde Gelenke" oder "mehr Beweglichkeit". Doch diese Aussagen sind seit Jahren nicht mehr erlaubt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellen klar: Es fehlen wissenschaftliche Belege für eine präventive Wirkung dieser Mittel auf Gelenke oder Knorpel bei gesunden Menschen. Auch eine Regeneration oder ein Wiederaufbau von Knorpel durch diese Substanzen ist wissenschaftlich nicht belegt.
Hersteller versuchen, diese Lücken durch den Zusatz von Vitamin C oder Zink zu umgehen. Für diese Vitamine sind allgemeine gesundheitsbezogene Aussagen erlaubt, die Knochen oder Knorpel betreffen, wie beispielsweise: "Vitamin C trägt zu einer normalen Kollagenbildung bei." Dies erweckt den Eindruck, dass auch die Hauptwirkstoffe Glucosamin und Chondroitin positive Effekte haben, obwohl dies nicht der Fall ist. Selbst die Verwendung des Begriffs "Gelenk" im Produktnamen oder Abbildungen beweglicher Gelenke sind unzulässig, da sie eine nicht gegebene Wirkung suggerieren.
Faktencheck
Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass Produktnamen wie "Gelenktabletten plus" als unzulässige gesundheitsbezogene Angabe einzustufen sind. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und dürfen nicht als solche beworben werden.
Medizinische Empfehlungen: Keine Unterstützung
Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) spricht sich in ihrer "S3-Leitlinie Gonarthrose" ausdrücklich gegen die Behandlung mit Glucosamin aus. Patienten, die nachfragen, sollten darüber aufgeklärt werden, dass es keine eindeutigen Beweise für den Nutzen gibt. Auch internationale Fachgesellschaften teilen diese Ansicht. Chondroitin wird von "medizin transparent" als "wahrscheinlich wirkungslos" eingestuft. Studien konnten weder eine Verbesserung der Beweglichkeit noch eine Linderung von Schmerzen nachweisen.
"Patienten sollte auf Nachfrage erklärt werden, dass es keine eindeutigen Beweise für den Nutzen von Glucosamin gibt."
Trotz der fehlenden Wirksamkeitsnachweise sind diese Produkte weiterhin auf dem Markt erhältlich. Verbraucherzentralen raten dringend dazu, bei Gelenkbeschwerden einen Arzt aufzusuchen, um sinnvolle Behandlungsoptionen zu besprechen, anstatt auf teure und oft wirkungslose Nahrungsergänzungsmittel zu setzen.
Risiken und Nebenwirkungen
Neben dem fraglichen Nutzen bergen Glucosamin- und Chondroitin-Produkte auch gesundheitliche Risiken. Besonders Personen mit Vorerkrankungen oder Allergien sollten vorsichtig sein. Glucosamin kann den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Diabetikern oder Personen mit eingeschränkter Glukosetoleranz wird daher eine engmaschige Überwachung des Blutzuckerspiegels empfohlen.
Für Menschen mit einer Krebstierallergie kann Glucosamin, das oft aus Krebstieren gewonnen wird, problematisch sein. Ähnlich verhält es sich mit Chondroitin, das aus Fischgewebe stammen kann und ein Risiko für Personen mit Fischallergie darstellt. Diese Hinweise müssen auf der Verpackung deutlich vermerkt sein.
Hintergrund: Was sind Glucosamin und Chondroitin?
Glucosamin ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Bindegewebes, Knorpels und der Gelenkflüssigkeit. Für Nahrungsergänzungsmittel wird es hauptsächlich aus Krebstieren gewonnen. Chondroitin ist ebenfalls ein Hauptbestandteil des Knorpels, der Knochen und des Bindegewebes. Es wird oft aus Schlachtabfällen wie Rinderluftröhren oder Haifischknorpeln hergestellt.
Qualitätsmängel und fehlende Kontrollen
Ein weiteres gravierendes Problem ist die mangelnde Qualitätssicherung bei Nahrungsergänzungsmitteln. Im Gegensatz zu Arzneimitteln gibt es keine vorgeschriebenen Qualitätskontrollen. Dies führt immer wieder zu Fälschungen und Betrug. Eine Untersuchung des Zentrallabors der Deutschen Apotheker zeigte, dass in zwei Apothekenprodukten kein Chondroitinsulfat enthalten war, sondern stattdessen billiges Maltodextrin. Solche Verfälschungen fallen bei üblichen Untersuchungsmethoden oft nicht auf.
Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apothekerschaft betonte daraufhin, dass die Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln nicht mit der von Arzneimitteln gleichzusetzen ist. Mengenangaben auf der Verpackung dürfen bis zu 50 Prozent von der tatsächlich enthaltenen Menge abweichen, und eine Qualitätsprüfung jeder produzierten Charge ist nicht verpflichtend. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Produkte kritisch zu hinterfragen und sich nicht allein auf die Angaben der Hersteller zu verlassen.
Wechselwirkungen und Risikogruppen
- Blutgerinnungshemmer: Glucosamin kann die Wirkung von Cumarin-Antikoagulanzien verstärken, was zu Blutungen führen kann. Patienten, die solche Medikamente einnehmen, sollten Glucosamin meiden.
- Verdauungsbeschwerden: Bei Chondroitin-Produkten in höheren Dosierungen (730 bis 1.000 Milligramm pro Tag) können Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Schwindel auftreten.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Für Schwangere, Stillende sowie Kinder und Jugendliche liegen keine ausreichenden Daten zur Sicherheit vor. Das BfR empfiehlt diesen Gruppen, auf die Einnahme zu verzichten.
Der beste Weg zu gesunden Gelenken: Bewegung
Die wirksamste und anerkannte Methode zur Vorbeugung und Behandlung von fortschreitender Arthrose ist körperliche Bewegung. Besonders zu Beginn der Erkrankung regt moderate Bewegung den Stoffwechsel und die Durchblutung an. Sie versorgt die Gelenkflüssigkeit mit wichtigen Nährstoffen und verbessert die Stabilität der Gelenke.
Sollten Sie unter Gelenkschmerzen leiden, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Arzt. Er oder sie kann beurteilen, ob Glucosamin oder Chondroitin in Form eines Arzneimittels – und nicht als Nahrungsergänzungsmittel – in einer spezifischen Dosierung und Anwendungsdauer therapeutisch sinnvoll sein könnten. Es ist wichtig zu beachten, dass Medikamente und Therapien in der Regel von der Krankenkasse bezahlt werden, Nahrungsergänzungsmittel jedoch nicht.
Setzen Sie auf bewährte Methoden und ärztlichen Rat, um Ihre Gelenke gesund zu halten. Vermeiden Sie teure Produkte, deren Nutzen wissenschaftlich nicht belegt ist und die sogar Risiken bergen können.





