Das kalifornische Unternehmen EnerVenue, das kürzlich eine Finanzierungsrunde von 300 Millionen US-Dollar abgeschlossen hat, setzt auf Nickel-Wasserstoff-Batterien als langlebige und sichere Infrastrukturlösung. Der neue CEO Henning Rath betont die Vorteile dieser Technologie, die ursprünglich von der NASA entwickelt wurde, insbesondere für Energieversorger, Industrie und Rechenzentren.
Wichtige Erkenntnisse
- EnerVenue entwickelt Nickel-Wasserstoff-Batterien mit einer Lebensdauer von 30 Jahren und 30.000 Zyklen.
- Die Technologie ist von Natur aus sicher und birgt kein Brand- oder thermisches Durchgeh-Risiko.
- Der Fokus liegt auf der Anwendung als Infrastrukturlösung, nicht als Verbrauchsgut.
- Rechenzentren sind ein Schlüsselmarkt aufgrund des hohen Strombedarfs und der Sicherheitsanforderungen.
- Produktion startet in China, mit Plänen für globale Expansion nach dem Prinzip „local for local“.
Nickel-Wasserstoff: Eine Technologie mit NASA-Wurzeln
Die Technologie hinter EnerVenues Batterien hat ihren Ursprung in der Weltraumforschung. Bereits in den 1980er Jahren entwickelte die NASA Nickel-Wasserstoff-Batterien für kritische Anwendungen wie die Internationale Raumstation und das Hubble-Weltraumteleskop. Diese Wahl basierte auf ihrer Temperaturstabilität, Sicherheit und langen Lebensdauer.
Henning Rath erklärt, dass das Hubble-Teleskop noch immer im Weltall fliegt und seine Batterien zuverlässig funktionieren. Das zeigt die außergewöhnliche Haltbarkeit der ursprünglichen Technologie. Der Haken war jedoch der Preis, der eine kommerzielle Nutzung bisher unmöglich machte.
Interessanter Fakt
Die Nickel-Wasserstoff-Technologie von EnerVenue hat eine dreimal längere Lebensdauer als Lithium-Ionen-Zellen, mit etwa 30.000 Zyklen und einer erwarteten Betriebsdauer von 30 Jahren.
Kommerzielle Neuausrichtung der Batterietechnologie
EnerVenue hat die ursprüngliche Elektrochemie der NASA-Batterien aufgegriffen und sie für den kommerziellen Einsatz neu entwickelt. Dies umfasste Anpassungen an den Elektroden, die Einführung eines neuen Formfaktors und die Entwicklung von Fertigungsprozessen für die Massenproduktion. Das Ergebnis ist das Energy Storage Vessel (ESV) des Unternehmens, ein etwa zwei Meter langer Stahltank, der mit Verbundmaterial umwickelt ist. Diese ESVs werden zu Energieregaleinheiten zusammengefügt und in Containern für den Einsatz bereitgestellt.
Ein entscheidender Vorteil ist der breite Betriebstemperaturbereich von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius. Dies macht die Batterien robust gegenüber Umwelteinflüssen und reduziert den Bedarf an aufwendigem Temperaturmanagement.
Sicherheit als oberste Priorität
Ein zentrales Argument für die Nickel-Wasserstoff-Technologie ist ihre inhärente Sicherheit. Rath weist auf die anhaltenden Sicherheitsherausforderungen bei Lithium-basierten Zellen hin. Diese erfordern ein hohes Maß an Vorsicht, ein aufwendiges Wärmemanagement und Brandschutzmaßnahmen. Solche Einschränkungen begrenzen den Einsatz von Lithium-Ionen-Batterien in kritischen oder anspruchsvollen Umgebungen, wie petrochemischen Anlagen, Rechenzentren oder anderen Bereichen, wo Brandrisiken inakzeptabel sind.
„Wir denken bei Batterien nicht mehr an Assets, sondern eher an Infrastruktur“, sagt Henning Rath. „Wir haben eine Batterie entwickelt, die eine dreimal längere Lebensdauer (als Lithium-Ionen-Zellen) hat, etwa 30.000 Zyklen, 30 Jahre. Sie ist von Natur aus sicherer, da wir kein Brand- oder thermisches Durchgeh-Risiko haben.“
Die Batteriezusammensetzung aus Nickel, Stahl und Glasfaserverbundwerkstoff macht das Unternehmen zudem unabhängig von Lithium- und Seltenerd-Lieferketten. Dies fördert eine geopolitisch unabhängige Produktion, die potenziell überall auf der Welt stattfinden kann.
Fokus auf Forschung und Entwicklung: Der Weg zur Gen 4 Technologie
Nach einer Phase relativer Stille im Jahr 2025, die viele als Marktunsicherheit interpretierten, stellte Rath klar, dass dies ein bewusster Rückzug in die Forschung und Entwicklung war. EnerVenue hatte versucht, seine Gen 2 Technologie zu kommerzialisieren. Es wurde jedoch deutlich, dass diese Version noch nicht für die Massenproduktion bereit war.
„Wir haben das Projekt auf Eis gelegt und sind zurück ans Reißbrett gegangen“, erklärt Rath. „Wir haben zwei Jahre damit verbracht, das zu entwickeln, was wir jetzt unsere Gen 4 Technologie nennen, mit verbesserter Leistung, besseren Kostenkurven und höherer Flexibilität.“
Hintergrundinformationen
Im Jahr 2024 erwarb RWE bereits ESVs von EnerVenue für ein Pilotprojekt in den USA. Dieses Projekt nutzte noch die Gen 2 Technologie und ist weiterhin in Betrieb. Die nun ausgerollten Gen 4 Pilotprojekte finden in China, Australien, den USA, Europa und dem Nahen Osten statt, wobei die Installationen bis Mitte 2026 online gehen sollen.
Globale Fertigungsstrategie: China als Startpunkt
Die erste Großserienfertigung von EnerVenue wird in China aufgebaut. Das Unternehmen erwartet dort bis Ende des dritten Quartals 2026 eine Kapazität von 250 MWh, die bis 2027 auf 1 GWh ansteigen soll. Diese Entscheidung, die Produktion in China zu starten, ist bemerkenswert, da EnerVenue ein amerikanisches Unternehmen mit Hauptsitz in Fremont, Kalifornien, ist.
Rath sieht darin eine pragmatische Herangehensweise: „Amerika, insbesondere das Silicon Valley, ist immer noch ein großartiger Ort, um Innovationen voranzutreiben. Genauso ist China ein sehr wettbewerbsfähiger Ort, wenn es um Infrastruktur, Fertigung und Lieferkettenfähigkeiten geht.“
EnerVenue plant, seine Fertigungslinien in anderen Märkten wie den USA, Europa und dem Nahen Osten unter einer „local for local“-Strategie zu replizieren. Dies wird durch die Einfachheit des Produktionsprozesses ermöglicht. Das Unternehmen strebt bis 2028 eine Multi-GWh-Produktionskapazität in verschiedenen Regionen an.
Rechenzentren: Ein Wachstumsmarkt für sichere Energiespeicher
Obwohl EnerVenue den Markt für Energieversorger sowie kommerzielle und industrielle Anwendungen (C&I) bedient, liegt ein besonderer Fokus auf Rechenzentren. Dieser Sektor erlebt aufgrund von künstlicher Intelligenz und Cloud Computing ein explosives Wachstum des Strombedarfs. Die Branche argumentiert, dass Energiespeicher die schnellste und kostengünstigste Lösung sind, um den steigenden Strombedarf zu decken.
„Wir sehen die echte Notwendigkeit einer zuverlässigen Stromversorgung für den Betrieb der Algorithmen in den Rechenzentren, kombiniert mit den Sicherheitsaspekten der Produkte. Wir erhalten eine erstaunliche Marktresonanz und Feedback. Das ist ein Bereich, in dem wir jetzt doppelt so stark ansetzen und unsere Anstrengungen in naher Zukunft konzentrieren wollen“, so Rath.
Rechenzentren stellen einen Anwendungsfall dar, bei dem die Vorteile von EnerVenue – lange Zyklenlebensdauer, Temperaturtoleranz und Brandsicherheit – perfekt mit den Prioritäten der Betreiber übereinstimmen. Die Möglichkeit, Speichereinheiten vertikal zu stapeln, um den begrenzten Platz optimal zu nutzen, ist hier ein weiterer Vorteil.
Die Frage bleibt, ob die Nickel-Wasserstoff-Chemie von EnerVenue eine bedeutende Nische in einem immer noch von Lithium-Ionen dominierten Markt erobern kann. EnerVenue setzt darauf, dass in Anwendungen, bei denen Sicherheit und Langlebigkeit die anfänglichen Kosten überwiegen, die Antwort ja ist.





