Die Formel 1 wird die Renndistanz ihrer Grands Prix ab der Saison 2027 verkürzen. Alle zehn Teams haben einer Reduzierung von den bisherigen 305 Kilometern auf etwa 290 Kilometer zugestimmt. Diese Änderung ist eine direkte Folge des neuen Technikreglements, das ab 2027 in Kraft tritt und unter anderem den Hybridantrieb der Boliden neu definiert.
Die Verkürzung bedeutet je nach Rennstrecke zwei bis drei Runden weniger pro Grand Prix. Die formale Bestätigung durch die F1 Commission und den World Motor Sport Council (WMSC) der FIA steht noch aus, gilt aber als Formsache nach der einstimmigen Team-Zustimmung.
Wichtige Punkte
- Renndistanz wird ab 2027 von 305 km auf 290 km reduziert.
- Grund ist das neue Hybridantriebsreglement und höhere Kraftstoffverbrauch.
- Weniger Tankumbauten und erhöhter Fuel Flow sind weitere Gründe.
- Fahrer wie Max Verstappen äußern Skepsis.
- Monaco könnte ebenfalls angepasst werden.
Neues Technikreglement als treibende Kraft
Die Anpassung der Renndistanz ist eng mit den technischen Änderungen für die Jahre 2027 und 2028 verbunden. Im Zentrum steht hierbei eine grundlegende Überarbeitung des Hybridantriebs. Das Verhältnis zwischen Verbrennungsmotor (ICE) und elektrischem Antrieb (ERS) verschiebt sich deutlich.
Ab 2027 soll der Verbrennungsmotor 58 Prozent der Leistung liefern, der elektrische Anteil 42 Prozent. Für 2028 ist eine weitere Verschiebung auf 60 zu 40 Prozent geplant. Dies weicht von den ursprünglich für 2026 vorgesehenen 53 zu 47 Prozent ab.
Faktencheck: Antriebsleistung ab 2027
- ICE-Leistung: Steigt von 400 kW (2026) auf 420 kW (2027) und 450 kW (2028).
- ERS-Leistung (Rennmodus): Sinkt von 350 kW auf 300 kW.
- Overtake Mode: Bleibt bei 350 kW ERS-Leistung.
- Rekuperationsleistung: Erhöht sich auf 375 kW bzw. 400 kW.
- Batteriekapazität: Wächst von 4 MJ auf 4,5 MJ und später 5 MJ.
Erhöhter Kraftstoffdurchfluss und Tankgröße
Das neue Reglement sieht auch einen erhöhten maximalen Kraftstoffdurchfluss vor. Dieser steigt 2027 um 5 Prozent und 2028 um 13 Prozent im Vergleich zu den Werten von 2026. Ein höherer Fuel Flow führt unweigerlich zu einem gesteigerten Kraftstoffverbrauch pro Runde.
Die Teams möchten aus Kostengründen ihre Chassis von 2026, inklusive der darin verbauten Tanks, möglichst weiterverwenden. Größere Tanks hätten jedoch aufwendige Umbauten an den Crashstrukturen und der Fahrzeugarchitektur erfordert. Die Verkürzung der Renndistanz um rund 5 Prozent stellt hier den einfachsten Weg dar, den Mehrverbrauch auszugleichen, ohne umfangreiche strukturelle Änderungen an den Fahrzeugen nötig zu machen.
Hintergrund: Energy Starvation
Ein zentrales Ziel der Regeländerung ist es, das sogenannte „Energy Starvation“ zu verhindern. Unter den 2026er-Regeln bestand die Befürchtung, dass Autos auf langen Geraden sichtbar langsamer werden könnten, weil ihnen die elektrische Energie ausgeht. Die Erhöhung der Rekuperationsleistung und Batteriekapazität soll dies vermeiden und die Rennen dynamischer gestalten.
Strategische Auswirkungen auf das Renngeschehen
Die Reduzierung der Renndistanz um etwa 15 Kilometer wird erhebliche strategische Auswirkungen haben. Renningenieure müssen ihre komplexen Strategiemodelle neu kalibrieren. Eine kürzere Distanz könnte beispielsweise Ein-Stopp-Strategien auf bestimmten Strecken wieder attraktiver machen, da die Gesamtbelastung der Reifen sinkt.
Gleichzeitig verschiebt sich das Zeitfenster für Undercuts. Frühe Boxenstopps könnten relativ riskanter werden, da weniger Restrunden verbleiben, um den potenziellen Zeitgewinn auszuspielen. Der Hauptvorteil aus Sicht der Teams ist jedoch, dass weniger „Lift and Coast“-Phasen nötig sein werden.
„Weniger 'Lift and Coast' bedeutet, dass Fahrer vor Kurven nicht mehr so früh vom Gas gehen müssen. Die Rennen sollen dadurch über die gesamte Distanz mit höherer Leistung gefahren werden können.“
Diese Änderungen sollen die Rennen dynamischer und spannender machen, da die Fahrer länger am Limit fahren können. Allerdings könnten späte Safety-Car-Phasen bei kürzeren Rennen prozentual einen größeren Anteil der Gesamtdistanz ausmachen. Dies könnte stärkere Ergebnisverzerrungen hervorrufen als bisher, ohne die absolute Wahrscheinlichkeit eines Safety Cars zu beeinflussen.
Kritik von Fahrern und Traditionalisten
Nicht alle sind von der geplanten Verkürzung begeistert. Prominente Stimmen aus dem Fahrerlager äußern Skepsis. Max Verstappen bezeichnete sich in Monza als „mehr einen Traditionalisten“. Er betonte, die aktuelle Renndauer von anderthalb bis zwei Stunden sei für ihn angemessen. Auch langweilige Phasen gehörten zum Sport und machten die Höhepunkte besonders, so Verstappen.
Fernando Alonso warnte davor, dass kürzere Grands Prix das Spektakel sogar verschlechtern könnten, da strategische Elemente wegfielen. Der ehemalige Formel-1-Pilot Christian Danner sprach von einem Grand Prix als „richtige fette Distanz von 300 Kilometern“ und betonte: „Auch in der Länge liegt die Würze, nicht nur in der Kürze.“
In Fan-Foren und auf Plattformen wie Reddit fordern einige Nutzer sogar längere statt kürzere Rennen. Sie ziehen Vergleiche mit der IndyCar-Serie, wo Rennen oft länger sind. Die Sorge ist, dass eine weitere Verkürzung die Formel 1 zu stark in Richtung eines „Sprint-Produkts“ verschiebt. Dies könnte den strategischen Langformat-Charakter untergraben, der seit den späten 1970er-Jahren das Markenzeichen eines Grand Prix ist.
Einheitliche Regel für alle Strecken
Die neue 290-Kilometer-Grenze soll einheitlich für alle Grands Prix gelten. Dies betrifft auch potenzielle Rennen in Spielberg oder eine mögliche Rückkehr des Großen Preises von Deutschland. Für Monaco, das bisher eine Sonderdistanz von 260 Kilometern hatte, sind die Berichte noch widersprüchlich. Eine Anpassung ist jedoch wahrscheinlich.
Konkrete Reaktionen von TV-Rechteinhabern im deutschsprachigen Raum wie Sky, ORF oder SRF auf die geplante Verkürzung liegen bislang nicht vor. Kürzere Rennen könnten für Broadcaster jedoch flexiblere Programmplanung bei Sonntagsslots ermöglichen.
Ob die 290 Kilometer nach 2028 zum dauerhaften Standard werden oder die Formel 1 mit effizienteren Antrieben wieder zur klassischen 305-Kilometer-Distanz zurückkehrt, bleibt abzuwarten. F1-CEO Stefano Domenicali hat wiederholt betont, dass alle Formatfragen, inklusive der Rennlänge, im Kontext der Vermarktung und der Aufmerksamkeitsökonomie ständig auf dem Prüfstand stehen.





