Neobroker werben mit kostenlosem Wertpapierhandel, doch die Realität sieht anders aus. Auch wenn keine direkten Ordergebühren anfallen, entstehen für Anleger oft indirekte Kosten. Diese Gebühren sind in den Geschäftsbedingungen versteckt und können die Rendite schmälern. Zudem bergen eingeschränkte Handelsplätze und die automatische Anlage in Geldmarktfonds zusätzliche Risiken, die Anleger kennen sollten.
Wichtige Punkte
- Neobroker sind nicht wirklich kostenlos; Kosten entstehen indirekt durch Provisionen und Geld-Brief-Spannen.
- Ein eingeschränktes Angebot an Handelsplätzen kann sich negativ auf die Ausführungskurse auswirken.
- Häufiges Handeln bei Neobrokern erhöht die Kosten und senkt die langfristige Rendite.
- Guthaben auf Verrechnungskonten, die in Geldmarktfonds angelegt werden, sind nicht immer durch die Einlagensicherung geschützt.
- Ab Mitte 2026 ändert sich die Regelung für Provisionen, was Auswirkungen auf die Preisgestaltung haben könnte.
Was sind Neobroker eigentlich?
Neobroker sind Online-Broker, die den Wertpapierhandel über Smartphone-Apps, Tablets oder PCs besonders einfach gestalten. Sie locken Kunden mit Versprechen wie „ab 0 Euro pro Order“ oder „provisionsfreies Investieren“. Ziel ist es, den Zugang zu Finanzmärkten zu demokratisieren und den Handel jederzeit und überall zu ermöglichen. Bekannte Namen in diesem Bereich sind beispielsweise Trade Republic, Scalable Free Broker, Smartbroker und finanzen.net zero.
Diese Anbieter setzen stark auf digitale Lösungen und eine intuitive Benutzeroberfläche, um vor allem junge Anleger anzusprechen. Die einfache Handhabung und die scheinbar niedrigen Kosten sind dabei die Hauptargumente für viele Nutzer. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt, dass das Geschäftsmodell nicht ganz ohne Kosten auskommt.
Die Illusion der Kostenfreiheit
Trotz der Werbung sind Neobroker nicht völlig kostenlos. Die Kosten sind oft nicht direkt als Ordergebühr sichtbar, sondern entstehen indirekt. Broker erhalten sogenannte Rückvergütungen oder Provisionen von Handelsplätzen oder Dienstleistern, die die Kauf- und Verkaufsaufträge ausführen. Diese Provisionen können pro Kundenorder bei etwa 3 Euro liegen und sind in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Anbieter aufgeführt.
Handelsplätze bezahlen diese Provisionen, weil sie Wertpapiere zu einem leicht höheren Preis verkaufen, als sie sie ankaufen. Diese Differenz, bekannt als Geld-Brief-Spanne oder Bid-Ask-Spread, ist ein versteckter Kostenfaktor für den Anleger. Je größer diese Spanne ist, desto teurer wird der Handel für den Kunden.
Faktencheck: Geld-Brief-Spanne
Der Briefkurs (Ask Price) ist der Preis, zu dem Anleger Wertpapiere kaufen können.
Der Geldkurs (Bid Price) ist der Preis, zu dem Anleger Wertpapiere verkaufen können.
Der Briefkurs liegt immer über dem Geldkurs. Die Differenz ist die Geld-Brief-Spanne, die einen direkten Kostenfaktor darstellt.
Eingeschränkte Handelsplätze und ihre Folgen
Ein weiteres Merkmal vieler Neobroker ist die Zusammenarbeit mit nur wenigen ausgewählten Handelsplätzen. Dies kann zu einer eingeschränkten Auswahl an Wertpapieren und Ausführungsplätzen führen. Trade Republic weist in seinen Kundenvereinbarungen explizit darauf hin, dass nur eine begrenzte Auswahl an Wertpapieren und Ausführungsplätzen angeboten wird.
Scalable nennt in seinen Kundendokumenten beispielsweise drei Handelsplätze: die European Investor Exchange (Börse Hannover), gettex (Börse München) und Xetra (Frankfurter Wertpapierbörse). Welche Börsen genau nutzbar sind, findet sich meist im Kleingedruckten der AGB, oft unter den Abschnitten „Kundendokumente“ oder „Sonderbedingungen für Wertpapiergeschäfte“.
Handelszeiten sind entscheidend
Die Ausführungskurse bei Neobrokern sind nicht grundsätzlich schlechter als bei traditionellen Banken. Entscheidend ist jedoch der Zeitpunkt, zu dem gehandelt wird. Während der regulären Börsenzeiten sind die Geld-Brief-Spannen in der Regel am geringsten. Für Xetra liegen diese Zeiten beispielsweise zwischen 9:00 und 22:00 Uhr.
Wer Wertpapiere handelt, die in den USA gelistet sind, wie viele ETFs mit US-Aktienanteil, sollte die Öffnungszeiten der New Yorker Börse beachten (15:30–22:00 Uhr MEZ). Es wird empfohlen, Aktien-ETFs auf weltweite Indizes idealerweise ab 15:30 Uhr zu handeln, da die Geld-Brief-Spanne dann oft nur 0,02 bis 0,05 Prozent beträgt. Außerhalb dieser Zeiten können die Spannen deutlich höher ausfallen. Das bedeutet, dass Anleger, die früh morgens oder spät abends handeln, im Durchschnitt schlechtere Preise erhalten, auch wenn die Kurse aktuell erscheinen. Dies gilt nicht nur für Neobroker, sondern für alle Anbieter.
Transparenz und zukünftige Änderungen
Neobroker sind dazu verpflichtet, die von ihnen erhaltenen Provisionen offenzulegen. Diese Informationen sind in den AGB der Anbieter zu finden. Anleger sollten diese Dokumente genau prüfen, um ein vollständiges Bild der anfallenden Kosten zu erhalten.
EU-Beschluss zur Provisionstransparenz
Ab dem 30. Juni 2026 tritt eine wichtige Änderung in Kraft: Handelsplätze dürfen nach einem EU-Beschluss keine Provisionen mehr für die exklusive Orderweitergabe („Payment for Order Flow“, PFOF) zahlen. Ziel dieser Regelung ist es, Interessenkonflikte zu vermeiden. Bislang bestand die Gefahr, dass Aufträge nicht zum besten Kurs, sondern an den Handelsplatz mit der höchsten Provisionszahlung weitergeleitet wurden.
Es bleibt abzuwarten, wie sich dieses Verbot auf die Preisgestaltung für das Brokerage auswirken wird. Ein genereller Preisanstieg muss nicht zwangsläufig erfolgen, da transparent ausgewiesene Preise dem Wettbewerb unterliegen, während versteckte Provisionen dies bisher nicht taten. Die Art und Weise, wie die bisherigen Kosten auf die Verbraucher umgelegt werden, wird sich zeigen.
Einlagensicherung und Risiken bei Neobrokern
Einige Neobroker legen Guthaben auf dem Verrechnungskonto teilweise automatisch in Geldmarktfonds an. Obwohl diese Fonds als relativ risikoarm gelten, unterliegen sie nicht der gesetzlichen Einlagensicherung. Dies bedeutet, dass bei größeren Beträgen ein höheres Risiko besteht als bei einem klassischen Tagesgeldkonto, das bis zu 100.000 Euro pro Kunde abgesichert ist.
Anleger sollten genau prüfen, wie ihr nicht investiertes Guthaben verwahrt wird und welche Risiken damit verbunden sind. Transparenz über die Anlage des Verrechnungskontos ist hier entscheidend.
Gefahren des häufigen Handels
Die Verfügbarkeit von Trading-Apps auf dem Smartphone macht den Handel verlockend einfach. Push-Nachrichten und schnelle Benachrichtigungen können dazu verleiten, Wertpapiere häufiger zu kaufen und zu verkaufen. Dies kann jedoch den Anlageerfolg gefährden:
- Erhöhte Kosten: Jedes häufige Kaufen und Verkaufen erhöht die Kosten, selbst wenn es nur die Geld-Brief-Spannen sind. Diese kleinen Beträge summieren sich schnell.
- Steuern auf Gewinne: Bei der Realisierung von Gewinnen fallen gegebenenfalls Steuern an. Der dann neu investierte Betrag ist geringer, was den wichtigen Zinseszinseffekt schmälert.
- Geringere Rendite: Studien zum Anlageverhalten von Privatanlegern zeigen, dass häufiges Handeln meist zu einer geringeren Rendite führt.
„Hin und Her macht Taschen leer“ gilt besonders beim Wertpapierhandel. Für eine langfristige, solide Anlagestrategie ist es besser, die Depotentwicklung nicht täglich zu verfolgen.
Eine langfristige Anlagestrategie erfordert Geduld und Disziplin. Wer sein Depot nicht ständig überwacht und handelt, minimiert nicht nur die Kosten, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung über die Zeit.
Tipps für Ihre Geldanlage bei Neobrokern
Um die Vorteile von Neobrokern zu nutzen und gleichzeitig Risiken zu minimieren, sollten Anleger folgende Punkte beachten:
- Kosten prüfen: Kein Angebot ist wirklich kostenlos. Suchen Sie in den AGB nach Offenlegungen von Provisionen und achten Sie auf die Geld-Brief-Spannen.
- Anbieter vergleichen: Nutzen Sie unabhängige Vergleiche von Direktbanken, Brokern und Neobrokern, wie sie beispielsweise die Stiftung Warentest anbietet (oft kostenpflichtig).
- Handelszeiten beachten: Handeln Sie möglichst nur zu regulären Börsenzeiten, um ungünstige Ausführungskurse durch hohe Geld-Brief-Spannen zu vermeiden. Vergleichen Sie die Kurse sorgfältig.
- Risikostreuung: Vermeiden Sie Klumpenrisiken. Streuen Sie Ihre Geldanlage über verschiedene Wertpapiere und Anlageklassen, um das Risiko zu minimieren.
- Langfristig denken: Konzentrieren Sie sich auf eine langfristige Anlagestrategie und vermeiden Sie häufiges Kaufen und Verkaufen.
Vorsicht vor betrügerischen Plattformen
Neben seriösen Neobrokern gibt es auch betrügerische Trading-Plattformen. Die Verbraucherzentralen warnen eindringlich vor unseriösen Anbietern, bei denen viele Menschen bereits Geld verloren haben. Anleger sollten stets wachsam sein und Angebote kritisch hinterfragen.
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Kriminelle sich telefonisch als Mitarbeiter von Verbraucherzentralen ausgeben und behaupten, verlorenes Geld aus einem „Kontingent“ zurückzahlen zu können. Für diesen angeblichen „Service“ verlangen sie oft eine Vorabgebühr. Solche Anrufe stammen niemals von einer echten Verbraucherzentrale. Mitarbeiter der Verbraucherzentralen kontaktieren niemanden ohne vorherige Terminvereinbarung oder Rückrufanfrage und verlangen niemals Gebühren vorab.





