Der digitale Euro könnte eine entscheidende Rolle für die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs spielen. Er soll das Zentralbankgeld in die digitale Ära überführen, die europäische Souveränität stärken und die Wettbewerbsfähigkeit Europas in der globalen Finanzwelt sichern. Dies erklärte ein führender Vertreter der Deutschen Bundesbank kürzlich in einer Videobotschaft an das International Bankers Forum.
Wichtige Erkenntnisse
- Der digitale Euro ergänzt Bargeld, ersetzt es nicht.
- Er soll europäische Abhängigkeiten im Zahlungsverkehr reduzieren.
- Der digitale Euro fördert Innovationen für private Anbieter.
- Datenschutz und Privatsphäre sind zentrale Designprinzipien.
- Er ist ein Baustein für Europas Rolle in der digitalen Finanzwelt.
Zentralbankgeld im digitalen Wandel
Die Art und Weise, wie Menschen bezahlen, hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Während Bargeld weiterhin wichtig ist, nimmt seine Nutzung ab. Im Jahr 2024 wurden nur noch zwei Fünftel des Gesamtwerts der Zahlungen am Verkaufsort bar getätigt. Noch 2019 lag dieser Anteil bei fast der Hälfte.
Gleichzeitig hat sich der Wertanteil der Online-Einkäufe von 18 Prozent auf 36 Prozent verdoppelt. Auch die Zahl der Geschäfte im Euroraum, die kein Bargeld annehmen, hat sich zwischen 2021 und 2024 verdreifacht und liegt nun bei 12 Prozent. Diese Zahlen zeigen einen klaren Trend hin zu digitaleren und mobileren Zahlungsmethoden.
Faktencheck: Bargeldnutzung im Wandel
- 2024: 40% der Zahlungen am Verkaufsort in bar.
- 2019: Fast 50% der Zahlungen am Verkaufsort in bar.
- Online-Einkäufe: Wertanteil verdoppelt (18% auf 36%).
- Geschäfte ohne Bargeld: Verdreifachung auf 12% (2021-2024).
Der digitale Euro soll sicherstellen, dass Zentralbankgeld auch in dieser digitalen Welt zugänglich und relevant bleibt. Er ist als digitale Ergänzung zum Bargeld gedacht und soll nicht dessen Abschaffung bedeuten. Zentralbankgeld ist und bleibt der Anker des Geldsystems. Der digitale Euro würde es ermöglichen, Zentralbankgeld künftig nicht nur als Bargeld, sondern auch in digitaler Form im Alltag zu nutzen.
Als gesetzliches Zahlungsmittel wäre der digitale Euro im gesamten Euroraum universell akzeptiert. Er soll eine öffentliche Basisinfrastruktur bereitstellen, die private Zahlungslösungen ergänzt und unterstützt, nicht verdrängt. Banken und Zahlungsdienstleister behalten ihre zentrale Rolle als Schnittstelle zu den Kunden.
Innovationen und neue Geschäftschancen
Der digitale Euro kann als Basis für innovative Dienste dienen. Ein Beispiel hierfür sind bedingte Zahlungen, die automatisch ausgelöst werden, sobald bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dies könnte etwa die automatische Auszahlung einer Versicherungssumme nach digitaler Bestätigung eines Schadensfalls umfassen.
Wichtig ist, dass der digitale Euro die Finanzstabilität wahrt und die Kreditvergabe der Banken nicht beeinträchtigt. Dies soll durch Haltegrenzen für Guthaben im digitalen Euro und den Verzicht auf eine Verzinsung erreicht werden. Für Zahlungen über höhere Beträge ist ein sogenanntes Wasserfallprinzip vorgesehen: Beträge über der Haltegrenze werden automatisch vom verknüpften Bankkonto übertragen.
"Der digitale Euro soll als Zahlungsmittel dienen – nicht als Anlageform und nicht als Ersatz für Bankeinlagen."
Diese Ausgestaltung soll verhindern, dass der digitale Euro als Konkurrenz zu traditionellen Bankeinlagen wahrgenommen wird. Stattdessen soll er heimischen Zahlungsdienstleistern helfen, ihre Reichweite zu erhöhen und den europäischen Finanzraum zu stärken.
Digitale Souveränität im Zahlungsverkehr
Die geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre haben die Risiken von Abhängigkeiten in kritischen Bereichen verdeutlicht. Dies betrifft nicht nur Energie und Verteidigung, sondern auch den Zahlungsverkehr als kritische Infrastruktur. Europa ist in wichtigen Segmenten des Zahlungsverkehrs stark von außereuropäischen Anbietern abhängig.
Hintergrund: Europas Abhängigkeiten
Derzeit werden mehr als zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Systeme abgewickelt. In 13 von 21 Ländern des Euroraums gibt es keine nationalen Zahlungslösungen, was eine vollständige Abhängigkeit von internationalen Anbietern bedeutet.
Der digitale Euro soll hier Abhilfe schaffen, indem er eine autonome europäische Basisinfrastruktur bereitstellt. Diese Infrastruktur wäre im gesamten Euroraum nutzbar, stünde unter europäischer Kontrolle und würde private Innovationen fördern. Es geht nicht um Abschottung, sondern um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit Europas, auch in Krisenfällen.
Neben der technischen Souveränität sind auch europäische Werte wie Datenschutz, Privatsphäre und Inklusion zentrale Anforderungen an das Design des digitalen Euro. Das Eurosystem soll lediglich Bestände und Transaktionsmuster von pseudonymisierten Nutzern sehen können, ohne diese einer bestimmten Person zuzuordnen oder individuelle Zahlungsprofile zu erstellen.
Ein Offline-Modus des digitalen Euro könnte sogar ein nahezu bargeldähnliches Maß an Privatsphäre bieten, da Zahlungen direkt von Gerät zu Gerät erfolgen, ohne Umweg über zentrale Systeme. Der digitale Euro wäre somit kein "gläsernes Portemonnaie", sondern ein Instrument, das Datenschutz und Privatsphäre bestmöglich absichert.
Europas Rolle in der digitalen Finanzwelt festigen
Der digitale Euro ist ein wichtiger Baustein einer umfassenderen europäischen Zahlungsverkehrsstrategie. Der Euro hat sich in den letzten Jahrzehnten als stabile Währung etabliert, mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von rund 2 Prozent seit seiner Einführung. Er ist die zweitwichtigste Währung im internationalen Währungssystem.
Die Attraktivität einer Währung hängt jedoch nicht nur von ihrer klassischen Stabilität ab, sondern auch davon, ob Zahlungen sicher, effizient und innovativ abgewickelt werden können – sowohl im Massenzahlungsverkehr als auch an den Finanzmärkten. Die Strategie des Eurosystems zielt auf einen innovativen, wettbewerbsfähigen und widerstandsfähigen europäischen Zahlungsverkehr ab.
Auf Basis des digitalen Euro können neue Angebote entstehen, die den Finanzstandort Europa stärken, etwa durch bessere Schnittstellen für Unternehmen und effizientere Zahlungsprozesse. Dies könnte die Attraktivität des Euro indirekt erhöhen.
Euro im internationalen Kontext
- Durchschnittliche Inflationsrate seit Einführung: ca. 2%.
- Zweitwichtigste Währung im internationalen Währungssystem.
- Wichtig für Währungsreserven, Anleiheemissionen und Zahlungsverkehr.
Weltweit entstehen neue digitale Lösungen, darunter tokenisierte Marktumgebungen und privat emittierte digitale Geldformen wie Stablecoins. Europa muss diese Entwicklungen aktiv mitgestalten, um technische Standards, Marktstrukturen und regulatorische Anforderungen zu prägen. So bleibt der Euro auch in der digitalen Finanzwelt wettbewerbsfähig.
Das Eurosystem arbeitet beispielsweise am Projekt Pontes, einer Lösung für die Abwicklung von Großbetragszahlungen und Wertpapiergeschäften in Zentralbankgeld. Dies ist als tokenisiertes Zentralbankgeld für den Wholesale-Bereich gedacht und unterscheidet sich vom digitalen Euro, der auf den Zahlungsalltag ausgerichtet ist.
Der digitale Euro trägt als Teil einer breiteren Strategie dazu bei, die Stärke des Euro in die nächste technologische Epoche zu übertragen und Europas Platz in einer digitalen Weltwirtschaft zu sichern.
Fazit: Ein gemeinsames europäisches Projekt
Die Entwicklung des digitalen Euro ist eine logische Antwort auf die fortschreitende Digitalisierung unseres Geldsystems. Er bringt Zentralbankgeld ins digitale Zeitalter, fördert Innovation, sichert Europas Souveränität im Zahlungsverkehr und festigt die Rolle Europas in der digitalen Finanzwelt.
Der digitale Euro ist keine Konkurrenz zum Bargeld oder ein Gegenentwurf zur Finanzwirtschaft. Er ist eine europäische öffentliche Basisinfrastruktur, die souverän ist und gleichzeitig offen für private Innovationen. Die Gestaltung dieses Projekts erfordert die Zusammenarbeit aller relevanten Akteure der Finanzbranche, um ein robustes und zukunftsfähiges Zahlungssystem für Europa zu schaffen.





