Die Europäische Union muss bis 2030 eine Energiespeicherkapazität von 200 Gigawatt (GW) aufbauen, um die Flexibilitätsanforderungen ihres Energiesystems zu erfüllen. Dies geht aus einem Entwurf des „Electrification Action Plan“ hervor, der diese Woche veröffentlicht werden soll. Das Ziel ist fast viermal höher als die derzeit prognostizierte Kapazität bis Ende 2026.
Wichtige Erkenntnisse
- Die EU benötigt bis 2030 200 GW Energiespeicher für Systemflexibilität.
- Derzeit werden bis Ende 2026 nur 55 GW erwartet.
- Der Plan betont die Rolle der Speicherung zur Vermeidung von Preisschwankungen.
- Steuerliche Anreize und der Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe sind geplant.
- Auch die Langzeitenergiespeicherung (LDES) wird erstmals stärker berücksichtigt.
Ein ehrgeiziger Plan für die Energiewende
Der Entwurf des Aktionsplans zur Elektrifizierung der EU zeigt ein klares Bekenntnis zur Stärkung der Energiespeicherung. Die Europäische Kommission (EC) will die Flexibilität des Stromnetzes erheblich verbessern. Dies ist entscheidend, um Preisschwankungen und negative Strompreise zu minimieren, die oft durch eine hohe Einspeisung erneuerbarer Energien entstehen.
Die Notwendigkeit einer massiven Erweiterung der Speicherkapazitäten wird durch Modellierungen des Gemeinsamen Forschungszentrums (JRC) der EU unterstrichen. Das JRC prognostiziert, dass unter aktuellen Bedingungen weniger als die Hälfte der benötigten Kapazität bereitgestellt wird.
Fakten zur Speicherkapazität
- Ziel 2030: 200 GW Energiespeicherung
- Prognose 2026: 55 GW Energiespeicherung
- Dies bedeutet eine Lücke von 145 GW, die in den nächsten vier Jahren geschlossen werden muss.
Herausforderungen und Maßnahmen
Der Plan identifiziert fünf Hauptbarrieren für die Elektrifizierung und schlägt konkrete Maßnahmen vor. Dazu gehören steuerliche Anreize, um das Strom-zu-Gas-Preisverhältnis zu verbessern, und ein „aggressiver Ausstieg“ aus Subventionen für fossile Brennstoffe im Energieunion-Paket nach 2030.
Die Rolle der Energiespeicherung wird besonders hervorgehoben. Sie gilt als wesentliches Element zur Optimierung des EU-Energiesystems. Die Kommission will die Beteiligung von kundennahen Ressourcen an Flexibilitätsmärkten fördern. Dies reicht von Haushalts- und Gewerbeanwendungen bis hin zu industriellen Lösungen wie Vehicle-to-Grid (V2G)-Technologien und KI-Rechenzentren.
„Energiespeicherung ist ein wesentliches Element, um das Funktionieren des EU-Energiesystems zu optimieren“, heißt es im Dokument.
Bedeutung der Langzeitenergiespeicherung
Ein wichtiger Aspekt des neuen Plans ist die verstärkte Berücksichtigung der Langzeitenergiespeicherung (LDES). Diese Technologien, die Strom über Stunden, Tage oder sogar saisonal speichern können, wurden in früheren EU-Politikdokumenten oft vernachlässigt.
Das Dokument weist darauf hin, dass die derzeitigen Einnahmequellen nicht ausreichen, um die anfänglichen Investitionen in die saisonale Energiespeicherung zu decken. Die Kommission plant eine hochrangige Konferenz, um Barrieren und Lösungen für die Speicherung, einschließlich LDES und Power Purchase Agreements (PPAs) mit Energiespeicher, zu diskutieren.
Hintergrund: Tripartite Agreement
Ein kürzlich geschlossenes Tripartite Agreement zur Energiespeicherung von 22 Mitgliedstaaten, Entwicklern erneuerbarer Energien und Industriesstromverbrauchern hat sich bereits zum Ziel gesetzt, in den Jahren 2026-2028 zwischen 30 GW und 35 GW Energiespeicherkapazität zu schaffen. Die Umsetzung dieser bestehenden Verpflichtung ist für die Kommission von großer Bedeutung.
Reaktionen aus der Industrie und Zivilgesellschaft
Experten und Organisationen begrüßen den Entwurf, fordern aber weitere Schritte. Carolina Cruz, Energiepolitikexpertin bei Energy Storage Europe, äußerte sich auf LinkedIn positiv. Sie stellte fest, dass Empfehlungen, für die der Verband „lange eingetreten ist, im Denken der Kommission auftauchen“.
Besonders die Berücksichtigung von LDES und die Priorisierung des Tripartite Agreements nannte sie als wichtige Fortschritte.
„Die Erfüllung dieser bestehenden Verpflichtung ist in dieser Phase wichtiger als jede neue Zusage“, so Cruz.
Anreize für dezentrale Technologien
Kraken Technologies, ein Spin-off von Octopus Energy, begrüßt die Vorschläge zur Förderung dezentraler Elektrifizierungstechnologien wie Batteriespeicher, Elektrofahrzeuge (EVs) und Wärmepumpen durch Steuerbefreiungen und andere Anreizsysteme. Devrim Celal, Chief Marketing und Flexibility Officer bei Kraken, lobte den Plan als „genau die richtige Ambition“.
Celal betont, dass Elektrifizierung heute nicht nur Dekarbonisierung bedeutet, sondern auch Bezahlbarkeit, Resilienz und Energiesouveränität. Er plädiert dafür, den Ausbau dezentraler Energieressourcen (DERs) mit verstärkten Investitionen in die Nachfragesteuerung zu koppeln, um Spitzenlasten zu bewältigen.
Netzinvestitionsbedarf
Europa steht bis 2030 vor einer geschätzten Netzinvestitionsherausforderung von 584 Milliarden Euro. Celal von Kraken Technologies argumentiert, dass wir das bestehende Netz besser nutzen müssen. Software kann den Stromverbrauch von EVs, Wärmepumpen und Industrielasten in Zeiten verlagern, in denen Strom am günstigsten und saubersten ist. So werden neue Anforderungen zu flexiblen Assets statt zu Netzproblemen.
Kritische Stimmen und offene Fragen
Die Umweltorganisation Beyond Fossil Fuels bezeichnet den Entwurf des Elektrifizierungs-Aktionsplans als „Schritt in die richtige Richtung“, fordert jedoch verbindliche Ziele. Die Elektrifizierung von Gebäuden, Industrie und Verkehr müsse mit einem bindenden Ziel zur Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien bis 2040 und einem glaubwürdigen Plan zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verbunden sein.
Die Gruppe warnt zudem vor der aktuellen „Netzkrise“ und dem metaphorischen „Elefanten im Raum“ – dem Wachstum von Rechenzentren, das die Elektrifizierungsbemühungen stören könnte.
Herausforderung Rechenzentren
Laut Tara Connolly, einer Kampagnenleiterin von Beyond Fossil Fuels, scheitern Projekte für erneuerbare Energien und Batterien im Wert von 100 Milliarden Euro allein in acht Ländern an Engpässen im Verteilungsnetz. „Ohne angemessene Reformen riskiert Europas Energiewende – und Elektrifizierung – zu stagnieren, nicht wegen fehlender Projekte, sondern weil die lokalen Netze einfach nicht bereit sind.“
Jill McArdle, ebenfalls von Beyond Fossil Fuels, fordert bindende Regeln anstelle freiwilliger Verpflichtungen für Rechenzentren. Ein beschleunigter Energiebedarf von Rechenzentren ohne robuste Schutzmaßnahmen würde Strom und erneuerbare Energien von Haushalten, prioritären Industriesektoren und Fahrzeugen abziehen, die die Elektrifizierung eigentlich bedienen soll. Dies würde zu einer höheren Abhängigkeit von fossilem Gas und höheren Stromkosten führen.
Der Fortschritt des EU-Aktionsplans zur Elektrifizierung kann über den Gesetzgebungsfahrplan des Europäischen Parlaments verfolgt werden. Die endgültige Veröffentlichung des Plans wird mit Spannung erwartet, da er die Weichen für die europäische Energiezukunft stellen wird.





