Die Inbetriebnahme von Batteriespeichersystemen (BESS) ist ein entscheidender Schritt für den Erfolg von Energieprojekten. Oft wird dieser Prozess jedoch unterschätzt und als reine Formalität betrachtet. Dabei zeigt die Praxis, dass viele Probleme nicht technischer Natur sind, sondern aus mangelhafter Planung und Koordination resultieren. Eine frühzeitige und umfassende Strategie ist daher unerlässlich, um Verzögerungen und hohe Kosten zu vermeiden.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Inbetriebnahme von BESS erfordert eine spezifische Planung, die sich von Solar- oder Windprojekten unterscheidet.
- Organisatorische, vertragliche und prozedurale Mängel sind häufiger als technische Probleme.
- Ein integrierter Plan mit klaren Verantwortlichkeiten von Projektbeginn an ist entscheidend.
- Regelmäßige Kommunikation und die Einbindung externer Experten minimieren Risiken.
- Compliance mit Standards wie UL9540A und IEC 62619 ist zwingend, nicht optional.
Die Komplexität von Batteriespeichersystemen
Batteriespeichersysteme sind technisch und kommerziell komplexer als traditionelle erneuerbare Energieanlagen wie Solar- oder Windparks. Sie erfordern einen höheren Grad an Integration, spezialisierte Schulungen und eine präzisere Ingenieursdisziplin für eine erfolgreiche Inbetriebnahme. Viele Projektmanager bringen zwar umfassende Erfahrung aus der Solar- und Windenergie mit, doch diese Ansätze lassen sich nicht direkt auf Energiespeicher übertragen.
Ein strukturierter, phasenbasierter Inbetriebnahmeprozess ist entscheidend. Er bringt alle Disziplinen von Anfang an zusammen. Klare Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Abhängigkeiten werden sequenziell festgelegt. Dies minimiert Überraschungen und Verzögerungen. Dieser Ansatz sichert nicht nur die Projektintegrität und Compliance, sondern fördert auch die Zusammenarbeit und Verantwortlichkeit aller Beteiligten.
Faktencheck
Studien zeigen, dass über 70% der Inbetriebnahmefehler bei BESS-Projekten auf organisatorische und prozedurale Mängel zurückzuführen sind, nicht auf technische Defekte.
Frühzeitige Planung: Der Schlüssel zum Erfolg
Effektive Inbetriebnahme beginnt nicht erst am Ende des Projekts. Sie startet bereits bei der Projektinitiierung und setzt sich als fortlaufender Prozess fort. Dies überschneidet sich mit der Bauphase und reicht bis zur Abnahmetestung. Risiken, die durch frühe, isolierte Entscheidungen entstehen, werden oft übersehen. Ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch später im Projekt. Sie führen zu Verzögerungen und kostspieligen Korrekturen, genau dann, wenn der Zeitplan am wenigsten Spielraum bietet.
„Die Inbetriebnahme ist nicht nur die letzte Checkbox am Ende des Projekts. Sie ist ein fortlaufender Prozess, der von Anfang an in die Projektplanung integriert werden muss, um Überraschungen zu vermeiden.“
Probleme bei der Inbetriebnahme resultieren häufig aus dem Fehlen eines kohärenten, integrierten Plans, der alle Stakeholder berücksichtigt. Obwohl jeder Auftragnehmer seine eigene RACI-Matrix (Responsible, Accountable, Consulted, Informed) haben mag, erfordert die Minimierung von Inbetriebnahmerisiken eine einzige, vollständig integrierte RACI-Matrix. Diese muss alle Komponenten und Phasen des Projekts abdecken. Die Definition von Zuständigkeiten, Rollen und Verantwortlichkeiten zu Beginn des Projekts gewährleistet reibungslose Übergaben.
Hintergrund: Die RACI-Matrix
Eine RACI-Matrix ist ein Werkzeug zur Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten in einem Projekt. Sie definiert, wer für eine Aufgabe verantwortlich (Responsible) ist, wer rechenschaftspflichtig (Accountable) ist, wer konsultiert (Consulted) werden muss und wer informiert (Informed) werden soll. Eine integrierte RACI-Matrix für alle Projektphasen ist bei komplexen BESS-Projekten unerlässlich.
Herausforderungen in der Koordination
EPCs (Engineering, Procurement, Construction), Subunternehmer, OEMs (Original Equipment Manufacturers), Eigentümer und andere beteiligte Parteien identifizieren Umfangslücken oft zu spät. Dies führt zu unvermeidbaren Terminverzögerungen. Solche Details, obwohl klein, werden leicht übersehen. Sie können jedoch massive Probleme und Kosten verursachen. Ein vollständig integrierter Inbetriebnahmeprozess mag auf den ersten Blick langwierig und kompliziert erscheinen. Doch das Fehlen eines Masterplans führt oft zu Nacharbeiten, Verwirrung, langem Hin und Her und letztendlich zu Terminverzögerungen und Vertragsstrafen. Eine frühzeitige Planung der gesamten Inbetriebnahmesequenz bis zur endgültigen Abnahme reduziert spätere Überraschungen im Projektverlauf. Eine gute Faustregel ist, für das Schlimmste zu planen und am Ende positiv überrascht zu werden.
Kommunikation und externe Expertise
Die Förderung der Kommunikation im gesamten Team hilft, Lücken zu schließen. Große Telefonkonferenzen mit vielen Parteien mögen ineffizient erscheinen, aber Inbetriebnahmedelays sind es auch. So „schmerzhaft“ diese Anrufe auch sein mögen, sie sind eine notwendige Zeitinvestition, um Inkonsistenzen und Missverständnisse zu erkennen. Tägliche Check-ins, die sich auf Inbetriebnahme und Tests konzentrieren, dienen als wichtige Kontaktpunkte. Sie bauen Silos ab, synchronisieren Aktivitäten und klären Verantwortlichkeiten.
In dieser Phase wird ein externer Inbetriebnahmexperte von unschätzbarem Wert. Ein erfahrener Moderator weiß, welche Fragen zu stellen sind. Er erkennt potenzielle Warnsignale, lange bevor sie zu Terminverzögerungen werden. Er leitet sowohl Live-Diskussionen als auch asynchrone Kommunikation, um den Fortschritt auf Kurs zu halten. Diese externe Perspektive kann entscheidend sein, um festgefahrene Situationen zu lösen und eine objektive Bewertung der Fortschritte zu ermöglichen.
Standards und Compliance: Keine Abkürzungen
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass BESS zu neu sei und es an robusten regulatorischen Standards fehle, insbesondere für Brandrisiken und Sicherheitskonformität. Tatsächlich haben sich die Standards der National Fire Protection Association (NFPA) und des National Electrical Code (NEC) parallel zur Industrie entwickelt. Es gibt bedeutsame Aktualisierungen wie UL9540A (5. Auflage) und UL9540 (3. Auflage). Zudem enthält die kommende NEC-Ausgabe 2026 neue ESS-spezifische Anforderungen. Darüber hinaus bieten langjährige internationale Standards wie IEC 62619 und die IEC 62933-Reihe umfassende Sicherheits- und Leistungscodes und -standards, die seit Jahrzehnten etabliert, geprüft und weltweit referenziert werden.
Wichtige Standards
- UL9540A (5. Auflage): Testmethode für thermisches Durchgehen von Batteriesystemen.
- UL9540 (3. Auflage): Standard für Energiespeichersysteme und -ausrüstung.
- IEC 62619: Sicherheitsanforderungen für Lithium-Ionen-Zellen und -Batterien.
- IEC 62933-Reihe: Umfassende Standards für elektrische Energiespeichersysteme.
Das eigentliche Problem bei den Standards ist nicht ihre Existenz, sondern wie ernst sie genommen werden. Es mag verlockend sein, den Design- oder Testprozess zu beschleunigen. Dies geschieht durch selektive Interpretation von Vorschriften und Akzeptanz der „minimalen praktikablen Compliance“. Stattdessen sollten die besten Praktiken der Branche und eine hohe Qualitätskonformität geliefert werden. Dieser Druck entsteht oft durch erhebliche finanzielle Anreize, die an vertragliche Fertigstellungsmeilensteine gebunden sind. Wenn Fertigstellungsmeilensteine große Zahlungen an Auftragnehmer auslösen und Eigentümern Fortschrittsberichte für Investoren ermöglichen, fühlen sich beide Seiten gedrängt, „es einfach zu erledigen“.
Gefahren von Abkürzungen
Unter Druck können Abkürzungen verlockend wirken. Häufige Abkürzungen sind unvollständige Testberichte, fehlende Seriennummern und Kalibrierzertifikate, ausgelassene Verifizierungsschritte und unzureichende fotografische Dokumentation. Im schlimmsten Fall landen kritische Geräte wie Mittelspannungstransformatoren oder Batteriemodule, die die Systemkapazität beeinflussen, auf der Mängelliste. Sobald dies geschieht, beginnt die Schuldzuweisung. Oder schlimmer noch, Teams gehen davon aus, dass „sich jemand anderes darum kümmern wird“.
Erfahrene Auftragnehmer kennen die Compliance-Standards. Abkürzungen entstehen selten aus Unwissenheit. Sie resultieren aus Lücken in Struktur, Verantwortlichkeit und Aufsicht. Ein robuster, gut durchdachter Inbetriebnahmeanplan ist das stärkste Werkzeug, um die Möglichkeit von Fehlern, sowohl absichtlichen als auch unbeabsichtigten, zu minimieren. Die Inbetriebnahme stellt letztendlich die Projektführung auf die Probe, und viele Projekte stolpern genau in den letzten Phasen. Ihr Projekt muss nicht dazugehören. Vermeiden Sie diese vermeidbaren Fallstricke, indem Sie von Anfang an einen fundierten Plan entwickeln.





