Das tschechische Energiehandelsunternehmen Second Foundation investiert in den deutschen Markt für Batteriespeichersysteme (BESS). Das Unternehmen hat fünf Projekte mit einer Gesamtleistung von 56 Megawatt und einer Kapazität von 180 Megawattstunden erworben, die zwischen 2026 und 2027 in Betrieb gehen sollen. Dieser Schritt markiert eine strategische Wende vom reinen Energiehandel hin zum Besitz und Betrieb eigener Anlagen.
Dieser Vorstoß nach Deutschland ist Teil einer breiteren europäischen Expansion. Allein in der Tschechischen Republik plant das Unternehmen, in diesem Jahr Batteriespeicher mit einer Leistung von 307 Megawatt zu installieren. Die Investitionen sollen die Position des Unternehmens im europäischen Energiemarkt festigen und neue Einnahmequellen erschließen.
Wichtige Fakten
- Second Foundation erwirbt fünf BESS-Projekte in Deutschland mit 56 MW/180 MWh.
- Die Inbetriebnahme der deutschen Projekte ist für 2026-2027 geplant.
- Das Unternehmen vollzieht einen Wandel vom reinen Händler zum Anlagenbetreiber.
- Der deutsche Speichermarkt ist derzeit stark von den Regelleistungsmärkten abhängig.
- Zukünftiger Erfolg wird durch den Intraday-Handel bestimmt, der durch erneuerbare Energien angetrieben wird.
Vom Händler zum Eigentümer: Eine strategische Neuausrichtung
Für Energiehandelsfirmen wie Second Foundation ist der Schritt, eigene physische Anlagen zu besitzen, eine bedeutende Veränderung. Bisher lag der Fokus auf dem Handel mit Energie aus Anlagen, die anderen gehörten. Stephan Lehrke, Deutschland-Chef bei Second Foundation, erklärt den Wandel als eine logische Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.
"Ein reines Handelsgeschäft macht ein Unternehmen anfällig", so Lehrke. "Der Besitz von Anlagen stärkt die Bilanz und festigt die Position im Markt." Durch die Investitionen wird das Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber Marktschwankungen und gewinnt an Ansehen bei Regulierungsbehörden und Partnern. Dieser Ansatz ist in der Rohstoffbranche nicht unüblich, wo große Handelshäuser oft auch Anteile an Minen oder Logistikketten halten.
Ein hybrides Eigentumsmodell
Second Foundation setzt dabei nicht auf alleiniges Eigentum, sondern auf ein Co-Investitionsmodell. Typischerweise behält das Unternehmen einen Anteil von 20 bis 50 Prozent an den Projekten. Ein Partner-Investor übernimmt den restlichen Anteil. Second Foundation kümmert sich weiterhin um den Kern des Geschäfts: die Handelsoptimierung, die Betriebsführung und die Verwaltung der Anlagen.
Hintergrund: Die Rolle von Batteriespeichern
Batteriespeichersysteme (BESS) sind entscheidend für die Energiewende. Sie nehmen überschüssigen Strom aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind auf und geben ihn bei Bedarf wieder ins Netz ab. Dies stabilisiert die Stromnetze, die durch die schwankende Einspeisung erneuerbarer Energien vor großen Herausforderungen stehen.
Diese Strategie wird nicht nur in Deutschland und Tschechien verfolgt, sondern auch in Finnland, Polen, Rumänien und den Benelux-Ländern. Ziel ist der Aufbau eines geografisch und technologisch diversifizierten Portfolios von Batteriespeichern.
Der deutsche Markt: Eine komplexe Optimierungsaufgabe
Der deutsche Markt für Batteriespeicher ist besonders attraktiv, aber auch komplex. Derzeit stammen die höchsten Erträge aus den sogenannten Regelleistungsmärkten. Hier werden die Speicher dafür bezahlt, dass sie kurzfristig zur Stabilisierung des Stromnetzes bereitstehen.
Lehrke erwartet jedoch, dass dieser Markt bald gesättigt sein wird. "Der Regelleistungsmarkt hat eine Größe von etwa fünf Gigawatt. Wenn dieser mit Batterien gefüllt ist, werden die Erträge sinken", erklärt er. Dann wird eine andere Disziplin entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg: der Handel an den Day-Ahead- und Intraday-Märkten.
Zwei Schlüsselmärkte für Energie
- Day-Ahead-Markt: Hier wird Strom für den Folgetag gehandelt. Die Preise werden einmal täglich in einer Auktion festgelegt.
- Intraday-Markt: Hier wird Strom für denselben Tag gehandelt, oft nur wenige Minuten vor der Lieferung. Dieser Markt ist sehr dynamisch und wird stark von kurzfristigen Änderungen bei der Erzeugung (z.B. Wolken vor der Sonne) und dem Verbrauch beeinflusst.
"Der Intraday-Handel ist unser Heimatmarkt", betont Lehrke. Hier liegt der Wettbewerbsvorteil des Unternehmens. Es geht darum, die Volatilität, die durch erneuerbare Energien entsteht, gewinnbringend zu nutzen.
Die Kunst der Vorhersage: Daten und Algorithmen
Die Optimierung eines Batteriespeichers ist ein hochkomplexes mathematisches Problem. Betreiber müssen für jede Stunde des Tages entscheiden, in welchem Markt sie ihre Kapazität anbieten. Die Entscheidung, zu welchem Preis man an der Regelleistungsauktion um 9 Uhr teilnimmt, hängt davon ab, wie viel Geld man voraussichtlich einige Stunden später im Intraday-Handel verdienen kann.
"Es wird interessant, wenn einige Leute falsch liegen mit ihren Prognosen. Die Kunst besteht darin, riesige Datenmengen zu verarbeiten und eine fundierte Schätzung abzugeben, was das gewinnbringende Gebot ist."
Dafür sind spezialisierte Teams erforderlich. Bei Second Foundation arbeitet eine Abteilung mit über 20 Experten, die meisten davon mit Doktortiteln in Mathematik, ausschließlich an der Optimierung von Batteriespeichern. Sie nutzen Wettermodelle und Algorithmen, um die Schwankungen im Stromnetz so genau wie möglich vorherzusagen.
Es geht nicht nur darum, das Wetter vorherzusagen, sondern auch dessen Vorhersehbarkeit. Ein sonniger Tag, den alle korrekt prognostizieren, bietet wenig Handelsmöglichkeiten. Ein Tag mit unerwarteten Wolkenfeldern oder Windböen hingegen schafft Volatilität und damit Gewinnchancen.
Zukünftige Produkte für die Industrie
Die Expertise im Handel ermöglicht auch die Entwicklung neuer Produkte. Lehrke sieht großes Potenzial in sogenannten Day-Ahead-Swaps. Dabei wird die Fähigkeit der Batterie, Strom zeitlich zu verschieben, als eigenständiges Produkt verkauft.
Große Industrieunternehmen wie die Deutsche Bahn, die riesige Mengen Strom über langfristige Lieferverträge (PPAs) aus Solar- und Windparks beziehen, stehen vor einem Problem: Der Strom wird oft mittags produziert, aber erst abends oder morgens benötigt.
"Was diesen Unternehmen fehlt, ist eine virtuelle Batterie, um diese Arbeit zu erledigen", sagt Lehrke. Batteriespeicher können diese Lücke schließen, indem sie den Strom aus PPAs zwischenspeichern und bedarfsgerecht bereitstellen. So können aus einfachen Lieferverträgen strukturierte Produkte werden, die den Strom genau dann liefern, wenn er gebraucht wird. Dies ist ein wachsender Markt, der die Finanzierung weiterer Speicherprojekte erleichtern könnte.





