Wärtsilä, ein führender Anbieter von Energiespeichersystemen, hat seine Strategie neu ausgerichtet. Das Unternehmen konzentriert sich nun stärker auf komplexe Projekte und Softwarelösungen, insbesondere nach der Einführung neuer US-Zölle. Tamara de Gruyter, die neue Präsidentin von Wärtsilä Energy Storage, leitet diesen Wandel und betont die Bedeutung von Lifecycle-Lösungen für Kunden.
Wichtigste Erkenntnisse
- Wärtsilä Energy Storage ist eine eigenständige Sparte unter der Geschäftsleitung.
- Neue US-Zölle von 82% erzwangen eine strategische Neuausrichtung.
- Fokus auf komplexe Projekte, Software und Lifecycle-Lösungen.
- Erkundung neuer Lieferketten in Südostasien und den USA.
- Priorisierung von Märkten wie Europa und Australien neben den USA.
Neuausrichtung nach strategischer Überprüfung
Im Jahr 2023 leitete der Vorstand von Wärtsilä eine strategische Überprüfung des Energiespeichersegments ein. Dieses Segment war stark gewachsen und erforderte eine Neubewertung, einschließlich der Möglichkeit einer Veräußerung. Analysten vermuteten damals, dass die geringeren Margen und das schnellere Wachstum des Speichergeschäfts im Vergleich zu anderen Geschäftsbereichen von Wärtsilä die Konzernmargen negativ beeinflussen könnten.
Anfang 2025 schloss das Unternehmen die Überprüfung ab und bekräftigte sein Engagement für den Sektor. Energiespeicher wurde erstmals als eigenständiger Geschäftsbereich etabliert, direkt der Geschäftsleitung unterstellt. Zuvor war es ein Teil des breiteren Bereichs „Energy“.
Wichtige Zahlen
- 10% des Gesamtumsatzes von Wärtsilä entfallen auf Energiespeicher.
- Langfristiges Ziel für Energiespeicher: niedriges zweistelliges organisches Wachstum.
- Betriebsmarge für Energiespeicher angestrebt: 3-5%.
- Marine und Energy (80% des Geschäfts): 5% organisches Wachstum, 14% Betriebsmarge.
Tamara de Gruyter übernimmt Führung
Tamara de Gruyter, die seit fast 30 Jahren im Unternehmen ist, leitet nun die Sparte Wärtsilä Energy Storage. Sie wurde gebeten, diese neue Herausforderung anzunehmen, da die Umstrukturierung eine andere Art der Führung unter der Geschäftsleitung erforderte.
"Diese strukturelle Veränderung erforderte auch einen anderen Bedarf, da wir nun unter der Geschäftsleitung stehen, der ich angehörte. Daher wurde ich gebeten, diese neue Herausforderung anzunehmen", erklärt de Gruyter.
Die Entscheidung gegen eine Veräußerung des Energiespeichersegments wurde im besten Interesse der Aktionäre getroffen. Von allen Optionen erwies sich die Fortführung des Geschäfts als der beste Weg für das börsennotierte Unternehmen.
Auswirkungen der US-Zölle
Die Strategieänderung wurde nicht direkt durch die neue Führung ausgelöst, sondern durch globale Ereignisse. Insbesondere die Erhöhung der US-Zölle auf Energiespeichersysteme aus China auf 82% hatte weitreichende Folgen. Diese Änderung trat am zweiten Tag von de Gruyters Amtszeit, dem 2. April, in Kraft.
Hintergrund der Zölle
Die massiven Zollerhöhungen auf chinesische Waren, einschließlich Batteriespeichersysteme (BESS), zielten darauf ab, die heimische Produktion in den USA zu fördern. Dies führte zu einer erheblichen Verteuerung von Importen und zwang Unternehmen wie Wärtsilä zu einer schnellen Anpassung ihrer Lieferketten und Marktstrategien.
Die plötzliche Erhöhung der Zölle stellte Wärtsilä und seine Kunden vor große Probleme. Geräte, die bereits in China zur Verschiffung in die USA bereitstanden, wurden unerschwinglich.
"Für jeden Unternehmensleiter bedeutete das, wirklich darüber nachzudenken, wie man diese Komplexität bewältigen kann. Und man könnte sagen, die erste Krise, mit der ich umgehen musste, betraf einen unserer Kunden. Wir hatten die gesamte Ausrüstung in China bereit zur Verschiffung in die USA, und plötzlich sahen wir uns mit höheren Zöllen konfrontiert, und unsere Kunden sagten, sie könnten es sich nicht leisten. Und wir als Wärtsilä konnten es uns auch nicht leisten", so de Gruyter.
Dies führte zu einer Depression des US-Marktes und einem erhöhten Wettbewerb in anderen Regionen, da viele Unternehmen dort nach neuen Absatzmöglichkeiten suchten. Infolgedessen sanken die Nettoumsätze der Energiespeicher-Sparte im Jahr 2025 um 11% im Vergleich zu 2024, und die Betriebsmarge fiel von knapp über 4% auf 3,3%.
Neue Lieferketten und Marktstrategien
Um im US-Markt präsent zu bleiben, diversifiziert Wärtsilä seine Lieferketten. Statt sich hauptsächlich auf China zu verlassen, werden nun Möglichkeiten in Südostasien und den USA selbst geprüft. Es ist jedoch noch unklar, wie viel Kunden bereit sind, für lokal produzierte Produkte zu zahlen.
In Australien ist die Frage der lokalen Produktion weniger relevant, während sie in Europa an Bedeutung gewinnt. Ein kürzlich vorgeschlagener EU-Vorschlag zur Förderung heimischer Lieferketten könnte die Dynamik weiter verändern, aber die genauen Auswirkungen sind noch unklar.
Geografisch bleiben die USA, Europa und Australien die Hauptmärkte. Wärtsilä wird sich jedoch auch auf komplexere und anspruchsvollere Projekte konzentrieren, die voraussichtlich höhere Margen bieten.
Fokus auf Nischenmärkte und komplexe Lösungen
Wärtsilä sieht seine Stärke nicht im Preiskampf mit reinen chinesischen Batterieherstellern. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf Märkte, die ein hohes Maß an Komplexität erfordern, beispielsweise in Bezug auf Brandschutz und Cybersicherheit.
"Wir werden wahrscheinlich nie die Billigsten sein und beispielsweise gegen reine chinesische Batterieanbieter antreten können", sagt de Gruyter. "Deshalb suchen wir nach den Teilen des Marktes, wo es viele Premieren gibt, wo es Komplexität gibt, und das ist auch etwas, wo wir unseren Kunden helfen können."
Ein Beispiel dafür ist ein reiner Software-Auftrag, bei dem Wärtsilä einem Kunden half, ein „stranded asset“ – eine billig erworbene Anlage ohne Netzanschluss – wieder nutzbar zu machen. Solche Projekte, oft die ersten ihrer Art, wie netzbildende Projekte in Großbritannien, unterstreichen die Kompetenz des Unternehmens.
Wandel vom EPC-Anbieter zum Lösungsanbieter
Wärtsilä zieht sich zunehmend von umfassenden EPC-Dienstleistungen (Engineering, Procurement, Construction) zurück. Stattdessen positioniert sich das Unternehmen als Anbieter von Ausrüstung, Software und Lifecycle-Lösungen. Dies unterscheidet Wärtsilä von Anbietern wie Tesla und Fluence, die weiterhin vollständige EPC-Pakete anbieten.
Prioritäten für die kommenden Jahre
Für die nächsten ein bis zwei Jahre liegen de Gruyters Prioritäten klar auf der Hand: die Identifizierung und Bedienung von Marktsegmenten, die den Stärken von Wärtsilä entsprechen.
- Projektdurchführung: Effiziente und erfolgreiche Umsetzung von Energiespeicherprojekten.
- Software: Weiterentwicklung und Bereitstellung fortschrittlicher Softwarelösungen für Energiemanagement.
- Komplexe Angelegenheiten: Bewältigung technologisch anspruchsvoller Herausforderungen, die spezialisiertes Know-how erfordern.
- Lifecycle-Lösungen: Umfassende Unterstützung über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage, von der Planung bis zur Wartung und Optimierung.
De Gruyter betont, dass Wärtsilä sich nicht an Preiskämpfen beteiligen wird. Kunden, die Wert auf langfristige Lösungen und Zuverlässigkeit legen, sind die Zielgruppe. "Was auch immer der Markt ist, es wird immer jemanden geben, der sagt: 'Das ist mir egal, ich will nur einen niedrigen Preis': Das ist nicht unser Markt", sagt sie.
Im noch jungen Energiespeichermarkt sieht Wärtsilä Chancen, da Kunden, die billig kaufen und später Probleme bekommen, zu Wärtsilä zurückkehren und die angebotenen Lösungen schätzen werden.
Zukunft des Energiespeichergeschäfts
Auf die Frage, ob das Energiespeichergeschäft irgendwann zu groß werden könnte, um die Konzernmargen zu belasten, antwortet de Gruyter pragmatisch:
"Das ist eine gute Frage. Ihre Vermutung ist so gut wie meine, aber ich würde sagen: Kommen wir erst einmal dorthin!"
Dies unterstreicht das Vertrauen in das Wachstumspotenzial des Sektors und die Fähigkeit von Wärtsilä, sich in einem dynamischen Marktumfeld erfolgreich zu positionieren.





