Nahrungsergänzungsmittel mit lebenden Mikroorganismen werden als Alleskönner beworben, die von der Stärkung des Immunsystems bis zur Gewichtsabnahme alles leisten sollen. Doch wissenschaftliche Belege für gesunde Menschen fehlen meist. Experten warnen vor unvorhersehbaren Wirkungen und potenziellen Risiken, insbesondere bei immungeschwächten Personen.
Wichtige Erkenntnisse
- Nahrungsergänzungsmittel mit Mikroorganismen sind für gesunde Menschen oft ohne belegten Nutzen.
- Die Wirkung dieser Produkte ist individuell nicht vorhersehbar.
- Werbeaussagen zu gesundheitlichen Vorteilen sind größtenteils nicht zugelassen.
- Menschen mit Immunschwäche oder akuter Magen-Darm-Grippe sollten solche Produkte meiden.
- Mikrobiom-Tests für zu Hause halten ihren Versprechen oft nicht stand.
Werbeversprechen vs. wissenschaftliche Realität
Die Werbung für Nahrungsergänzungsmittel (NEM) mit Mikroorganismen ist vielfältig und oft vollmundig. Hersteller suggerieren, dass ihre Produkte die Abwehrkräfte stärken, die Darmaktivität regulieren, bei Allergien helfen oder sogar das Abnehmen erleichtern. Einige Produkte werden als „Psychobiotika“ beworben, die bei Autismus oder Depressionen helfen sollen. Dies ist problematisch, da Nahrungsergänzungsmittel laut Gesetz lediglich Lebensmittel sind und nicht zur Behandlung von Krankheiten dienen.
Krankheitsbezogene Werbeaussagen sind für Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich verboten. Gesundheitsbezogene Aussagen müssen von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geprüft und zugelassen werden. Bislang ist nur eine einzige Aussage für lebende Joghurtkulturen in fermentierten Milchprodukten zugelassen, die die Laktoseverdauung bei Personen mit Laktoseproblemen verbessern sollen. Für spezielle lebende Bakterienkulturen in NEM existieren keinerlei zugelassene Werbeaussagen.
„Für Nahrungsergänzungsmittel mit speziellen lebenden Bakterienkulturen wurden bisher keinerlei Werbeaussagen durch die EFSA zugelassen.“
Faktencheck Werbung
- Werbeversprechen: Stärkung der Abwehrkräfte, Darmregulierung, Hilfe bei Allergien, Unterstützung beim Abnehmen, Stressabbau.
- Realität: Für die meisten dieser Aussagen gibt es keine wissenschaftlichen Belege für Nahrungsergänzungsmittel.
- Unzulässige Begriffe: Der Begriff „probiotisch“ gilt als unzulässig, da er von Verbrauchern oft als „immunstärkend“ verstanden wird, wofür die wissenschaftlichen Beweise fehlen.
Das individuelle Mikrobiom und die Wirkung von Bakterienprodukten
Unser Darmmikrobiom, die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Darm, ist einzigartig – vergleichbar mit einem Fingerabdruck. Es verändert sich täglich. Eine gesunde Darmflora zeichnet sich durch ihre Vielfalt aus. Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass es für gesunde Menschen nicht vorhersehbar ist, ob und in welchem Umfang die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit lebenden Bakterienkulturen gesundheitliche Vorteile bringt. Die Darmflora wird auch durch Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe beeinflusst.
Pauschale Empfehlungen zum Nutzen bestimmter bakterienhaltiger NEM sind daher wissenschaftlich nicht haltbar. Studien weisen sogar auf mögliche Gesundheitsrisiken hin, darunter Infektionen, immunologische Wirkungen, Stoffwechselstörungen, allergische Reaktionen und die Übertragung von Antibiotikaresistenzen.
Potenzielle Risiken und wichtige Hinweise
Nahrungsergänzungsmittel müssen als Lebensmittel „sicher“ sein, doch die Verantwortung liegt beim Hersteller, und behördliche Kontrollen erfolgen nur stichprobenartig. Bei akuter Gastroenteritis („Magen-Darm-Grippe“) sollten lebende Mikroorganismen vermieden werden, wie die aktuelle S2k-Behandlungsleitlinie empfiehlt.
Ein häufiger Trick der Hersteller ist der Zusatz von Vitaminen oder Mineralstoffen. Produkte, die beispielsweise Vitamin C, B6 oder D enthalten, dürfen mit der Aussage „trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ beworben werden. Dies ist ein legaler Weg, um gesundheitsbezogene Aussagen zu machen, die für reine Bakterienprodukte verboten wären. Ein Marktcheck zeigte, dass viele Bakterienprodukte bis zu zehn verschiedene Vitamine oder Mineralstoffe enthalten, was Verbrauchern oft nicht bewusst ist.
Gefahr der Überdosierung
Die zusätzliche Einnahme weiterer vitamin- oder mineralstoffhaltiger Nahrungsergänzungsmittel kann zu einer Überdosierung führen, da es für NEM keine gesetzlichen Höchstmengenregelungen für Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente gibt. Auch der Einfluss häufig zugesetzter Pflanzenstoffe, Ballaststoffe oder Vitalpilze auf das Darmmikrobiom ist meist unerforscht.
Wer sollte auf Bakterienprodukte verzichten?
Obwohl die Einnahme von Bakterienprodukten allgemein als ungefährlich gilt, ist ihre Sicherheit nicht für alle Menschen gewährleistet. Insbesondere Personen mit einem geschwächten Immunsystem, etwa nach Organtransplantationen oder bei schwerer Krankheit, sollten auf solche Produkte verzichten. Die Hefe Saccharomyces boulardii, die auch in Durchfallmedikamenten enthalten ist, ist in diesen Fällen kontraindiziert.
Es gibt auch Berichte, dass bestimmte Bakterienstämme nicht im Darm verbleiben, sondern sich über das Blut im Körper verteilen können, was zu Bakteriämien führen kann. Dies betraf Patienten, denen Organe oder Knochenmark transplantiert wurden. Für diese Risikogruppen ist die Einnahme von lebenden Mikroorganismen – auch in gefriergetrockneter Form – aus Sicherheitsgründen nicht ratsam.
Inhaltsstoffe und neuartige Bakterienstämme
Nahrungsergänzungsmittel mit Mikroorganismen enthalten meist spezielle Bakterien, manchmal auch Hefen. Ziel ist es, dass sich diese lebenden Mikroorganismen im Darm ansiedeln und dort einen gesundheitlichen Nutzen entfalten. Häufig sind Laktobazillen, Bifidobakterien und Enterokokken enthalten. Neuartige Bakterienstämme müssen vor ihrer Verwendung in Lebensmitteln im Rahmen der Novel-Food-Verordnung zugelassen und einer Sicherheitsprüfung unterzogen werden.
- Clostridium butyricum MIYAIRI 588: Seit 2014 zugelassen, Maximaldosis von 1,35 × 108 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro Tag.
- Akkermansia muciniphila: Seit 2022 als pasteurisierte (tote) Bakterien zugelassen, Dosis von 3,4 x 1010 Zellen/Tag. Produkte müssen den Hinweis tragen, dass sie nur von Erwachsenen (außer Schwangeren und Stillenden) verzehrt werden sollten.
- Hefe Yarrowia lipolytica: Seit Mai 2023 als neuartige Zutat zugelassen, maximal 6 g/Tag für Kinder ab 10 Jahren, Jugendliche und Erwachsene.
Um die Magenpassage zu überleben, werden die Bakterien oft in magensaftresistenten Kapseln oder mikroverkapselt als Granulat angeboten. Viele Produkte enthalten mehr als 20 verschiedene Bakterienstämme. Ein gesundheitlicher Vorteil durch eine höhere Anzahl an Stämmen ist jedoch nicht belegt.
Darmsanierung nach Antibiotika und Mikrobiom-Tests
Einige Hersteller empfehlen Bakterienprodukte zur „Darmsanierung“ nach einer Antibiotikatherapie, um die angeblich „zerstörte“ Darmflora wiederaufzubauen. Doch das Darmmikrobiom besteht nicht nur aus Bakterien, sondern auch aus Pilzen und Viren in einer sehr individuellen Zusammensetzung. Es gibt derzeit keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, welche Bakterienstämme in welcher Dosierung und Zusammensetzung im Einzelfall notwendig wären, um eine Darmflora nach Antibiotikaeinnahme optimal wiederherzustellen. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass die Einnahme von Bakterien die Erholung der körpereigenen Darmmikroorganismen über Monate verzögern kann.
Tipps zur natürlichen „Darmsanierung“
Experten empfehlen eine pflanzenbetonte Ernährung mit vielen milchsauer vergorenen Produkten wie Sauerteigbrot, Sauerkraut, Kimchi, Naturjoghurt oder Kefir. Auch ballaststoffreiche Lebensmittel sind wichtig:
- Ballaststoffe: Haferflocken, Vollkornprodukte, Leinsamen, Möhren, Zwiebelgewächse.
- Natürliche Oligofruktose/Inulin: Linsen, Erbsen, Bohnen, Chicorée, Artischocke, Schwarzwurzel, Lauch, Zwiebel, Knoblauch, Spargel.
- Resistente Stärke: Erkaltete gekochte Kartoffeln, Pasta oder Reis.
- Pektinreiche Früchte: Äpfel.
Die Verträglichkeit der Lebensmittel ist dabei entscheidend.
Mikrobiom-Tests für zu Hause: Sinnvoll oder nicht?
Frei verkäufliche Mikrobiom-Tests, die anhand einer Stuhlprobe das Darmmikrobiom beurteilen sollen, halten oft nicht, was sie versprechen. Eine Studie des US-Bundesinstituts National Institute of Standards and Technology (NIST) aus dem Jahr 2026, die erste ihrer Art zum Vergleich solcher Heimtests, kam zu dem Ergebnis, dass die vollmundigen Versprechen der Anbieter nicht erfüllt werden. Verbraucher sollten diese Tests kritisch hinterfragen.
Nahrungsergänzungsmittel mit speziellen Bakterien sind zudem oft sehr teuer. Eine Monatspackung kann leicht 60 Euro und mehr kosten. Krankenkassen übernehmen diese Kosten nicht, auch nicht bei Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom, die primär in ärztliche oder ernährungstherapeutische Behandlung gehören.





