Das chinesische Startup X Square Robot hat mit TwinDEX eine neue Plattform vorgestellt, die die Datenerfassung für Roboter revolutionieren könnte. TwinDEX kombiniert ein tragbares Exoskelett mit einem passenden Roboter-Endeffektor. Diese Technologie ermöglicht es, Robotern komplexe Aufgaben beizubringen, ohne dass die Roboter selbst für das Training benötigt werden. Dies beschleunigt den Prozess erheblich und überwindet Engpässe in der Entwicklung von Robotik.
Wichtigste Erkenntnisse
- TwinDEX ist eine Hardware-Software-Plattform von X Square Robot.
- Sie verbindet ein Exoskelett für Menschen mit einem passenden Roboter-Greifer.
- Die Plattform ermöglicht eine bis zu 5,3-fache schnellere Datenerfassung als herkömmliche Methoden.
- Ein 24-stufiges Chemieexperiment wurde nur mit Exoskelett-Daten durchgeführt.
- TwinDEX zielt darauf ab, das Datenproblem in der Robotik effizienter zu lösen.
Das Problem der Robotik-Daten
Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) für Roboter steht vor einer großen Herausforderung: dem Mangel an hochwertigen Trainingsdaten. Während große Sprachmodelle von Milliarden von Datenpunkten aus dem Internet profitieren, benötigen physische Roboter präzise, kraftkalibrierte Interaktionsdaten. Solche Daten sind im Internet kaum verfügbar.
Die herkömmliche Methode, Roboter manuell zu steuern (Teleoperation), liefert zwar genaue Daten, ist aber langsam, umständlich und teuer. Alternative Ansätze, wie tragbare Sensoren oder intelligente Handschuhe, können zwar schnell Daten sammeln, stoßen aber oft an Grenzen. Unterschiede in Geometrie, Zeitabläufen und Kontaktmechaniken zwischen Mensch und Roboter können die Übertragung der Daten erschweren. Dies wird als „Embodiment Gap“ bezeichnet.
Hintergrund: Der Embodiment Gap
Der Embodiment Gap beschreibt die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Trainingsdaten, die von Menschen oder nicht-robotischen Systemen gesammelt wurden, auf physische Roboter übertragen werden sollen. Kleine Unterschiede in der Bauweise oder den Bewegungsmöglichkeiten können dazu führen, dass die Roboter die gelernten Aufgaben nicht korrekt ausführen können. TwinDEX versucht, dieses Problem durch eine enge physische Anpassung zu lösen.
TwinDEX: Eine strukturelle Lösung
X Square Robot, ein Startup aus Shenzhen, das bereits durch das Sortieren von 1.816 Paketen pro Stunde mit einfachen Greifern auf sich aufmerksam machte, bietet mit TwinDEX eine neue Lösung an. Die Plattform ist darauf ausgelegt, eine direkte physische Übereinstimmung zwischen dem menschlichen Bediener und dem Roboter zu schaffen. Dies geschieht durch ein speziell entwickeltes Exoskelett, das direkt mit einem passenden Roboter-Endeffektor verbunden ist.
Das System vermeidet es, bestehende Roboterhände nachträglich an menschliche Bewegungsabläufe anzupassen oder Menschen in klobige Steuerungssysteme zu zwingen. Stattdessen sind beide Seiten der Pipeline – das tragbare Bediener-Rig und der Roboter-Endeffektor – geometrisch identisch aufgebaut.
Drei Finger, neun Freiheitsgrade
Sowohl das Exoskelett als auch der Roboter-Greifer verfügen über eine Drei-Finger-Architektur mit neun Freiheitsgraden (9-DoF). Sieben davon sind aktiv und zwei passiv. X Square Robot hat diese Konfiguration nach umfangreichen Tests als optimal für vielseitige Greifaufgaben identifiziert.
Obwohl fünf-fingrige Hände theoretisch mehr Geschicklichkeit bieten, führen sie oft zu Problemen bei der Drehmomentdichte der Aktuatoren, dem Platzbedarf, der mechanischen Zuverlässigkeit und den Kosten. Die Drei-Finger-Konfiguration von TwinDEX ermöglicht eine breite Palette von Greifarten – von Kraftgriffen über Präzisionsgriffe bis hin zu Werkzeugmanipulation – ohne die Zuverlässigkeitsprobleme, die oft bei anthropomorphen Händen auftreten.
Faktencheck: Daten und Effizienz
- 5,3-fache Steigerung der Datenerfassung im Vergleich zur herkömmlichen Teleoperation.
- 9 Freiheitsgrade (7 aktiv, 2 passiv) bei der Drei-Finger-Konfiguration.
- Wenige hundert Exoskelett-Demonstrationen reichten für ein 24-stufiges Chemieexperiment.
Die drei Säulen von TwinDEX
TwinDEX basiert auf drei Kernprinzipien, die seine Leistungsfähigkeit ausmachen:
- Geschicklichkeit: Die sieben aktiven Freiheitsgrade sind so ausbalanciert, dass sie selbst feinmotorische und kontaktintensive Interaktionen meistern können, wie das Bedienen von Spritzen oder das Drehen von Riegeln.
- Konsistenz: Exoskelett und Roboterhand teilen sich identische kinematische Ketten, Gelenkachsen, Gliedmaßenproportionen, taktile Sensoren, Oberflächenmaterialien und sogar das visuelle Erscheinungsbild. Die gemessenen Fingerzustände des Exoskeletts werden direkt in den Gelenkraum des Roboters übertragen. Dies macht komplexe algorithmische Anpassungen und Verzögerungen, die sonst beim Retargeting von Hand zu Roboter auftreten, überflüssig.
- Skalierbarkeit: Da der Roboter selbst nicht am Datenerfassungsprozess beteiligt sein muss, kann eine einzelne Person mit dem tragbaren Rig und einem gewöhnlichen Tisch eine eigenständige Datenerfassungsstation betreiben. Diese Stationen lassen sich flexibel in Wohnungen, Küchen oder Büros einsetzen.
X Square behauptet, dass diese enge Kopplung es TwinDEX ermöglicht, hochpräzise Kraft- und propriozeptive Rückmeldungen direkt aus der menschlichen Intuition zu erfassen. Gleichzeitig wird die effektive Datenerfassungsrate im Vergleich zur konventionellen Teleoperation um das 5,3-fache gesteigert.
„Diese enge Kopplung erlaubt es TwinDEX, hochpräzise Kraft- und propriozeptive Rückmeldungen direkt aus der menschlichen Intuition zu erfassen und dabei die effektive Datenerfassungsrate um das 5,3-fache zu steigern.“
Ein Chemieexperiment als Beweis
Um die Zuverlässigkeit der roboterfreien Datenerfassung für komplexe physische Manipulationen ohne zusätzliche Feinabstimmung am Roboter zu demonstieren, führte X Square Robot ein durchgängiges, ungeschnittenes Chemieexperiment mit TwinDEX durch. Die autonome Durchführung umfasste 24 einzelne Aktionen, die millimetergenaue Präzision und eine geregelte Kraftanpassung erforderten. Dazu gehörten:
- Das Aufdrehen von Probenflaschen und das Stabilisieren zerbrechlicher Behälter.
- Das Greifen und Manipulieren schmaler Spatel sowie das Abmessen präziser Mengen an Pulver.
- Das Bedienen einer Gummiballpipette zur Übertragung kontrollierter Flüssigkeitsmengen.
- Das Führen von Flüssigkeiten entlang eines fast transparenten Glasrührstabs, um Spritzer zu vermeiden.
- Das Ausführen von beidhändigen Übergaben, Riegelmanipulationen und dynamischem Werkzeugwechsel.
Bemerkenswert ist, dass die KI-Politik, die diese Chemiesequenz ausführte, von Grund auf neu trainiert wurde. Dafür wurden nur wenige hundert Demonstrations-Episoden verwendet, die ausschließlich mit dem tragbaren Exoskelett gesammelt wurden – ohne jegliche Teleoperationsdaten am Roboter selbst.
Unterschiedliche Wege zur Robotik-Skalierung
Die Veröffentlichung von TwinDEX verdeutlicht eine sich verschärfende Debatte in der Branche der verkörperten KI (Embodied AI) darüber, wie die Datenknappheit am besten zu überwinden ist. Auf der einen Seite stehen Unternehmen wie Dyna Robotics, die argumentieren, dass die Hardware-Anpassung eine Ablenkung ist. Sie setzen darauf, Millionen Stunden von menschlichem Videomaterial durch generative Weltaktionsmodelle zu skalieren, um den Embodiment Gap natürlich zu überbrücken.
Auf der anderen Seite steht Sunday Robotics, das mit seinem Skill Capture Glove einen ähnlichen datenbasierten Ansatz verfolgt, um seinen Haushaltsroboter Memo und das ACT-2-Grundlagenmodell anzutreiben. Während Sunday's Universal Manipulator Interface (UMI) sich jedoch hauptsächlich auf starre Zwei-Kiefer-Zangen für Aufgaben wie Wäschefalten konzentrierte, treibt TwinDEX das Konzept des tragbaren Systems in die echte Mehrfinger-Artikulation voran.
Unterstützt durch Finanzmittel von Tech-Giganten wie Xiaomi und Meituan, setzt X Square darauf, dass Dateneffizienz wichtiger ist als bloße Datenmenge. Wenn Hunderte von Bedienern mit leichten Exoskeletten native Daten auf Gelenkebene generieren können, ohne physische Roboter zu belegen, könnte der Engpass bei der Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten viel schneller verschwinden als erwartet.
Es bleibt abzuwarten, ob die Drei-Finger-Balance von X Square in chaotischen Verbraucherumgebungen bestehen wird. TwinDEX beweist jedoch, dass cleveres Hardware-Software-Co-Design einen der hartnäckigsten Engpässe in der physischen KI umgehen kann.





