Der Klimawandel stellt eine wachsende Bedrohung für die Preisstabilität und das Finanzsystem dar. Die Deutsche Bundesbank warnt eindringlich vor den finanziellen Risiken, die von Extremwetterereignissen und der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ausgehen. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass fehlender Klimaschutz Inflation und Wirtschaftswachstum massiv beeinflussen könnte.
Wichtige Erkenntnisse
- Klimawandel kann Inflation um bis zu 0,6 Prozentpunkte in der EU erhöhen.
- Wirtschaftsleistung könnte bei extremen Wetterereignissen um bis zu 4,8 Prozent sinken.
- Wasserknappheit und Ökosystemschäden haben direkte Auswirkungen auf Unternehmen und Banken.
- Die Energiewende in Europa verläuft langsamer als oft angenommen.
- Banken müssen Kreditrisiken im Zusammenhang mit Klimafolgen besser bewerten.
Zentralbanken im Kampf gegen Klimarisiken
Die Bundesbank sieht es als ihre Aufgabe, Preisstabilität und ein robustes Finanzsystem zu sichern. Sabine Mauderer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, betont, dass der Klimawandel diese Ziele direkt gefährdet. Nahrungsmittel und Energie können teurer werden, das Wirtschaftswachstum leidet, und das Finanzsystem gerät unter Druck. Diese Risiken müssen Zentralbanken in ihrer Arbeit berücksichtigen.
Ein internationales Netzwerk von Zentralbanken, das Ende 2017 gegründet wurde, befasst sich intensiv mit diesen Fragen. Ursprünglich ein loses Bündnis von acht Zentralbanken, ist es heute eine Organisation mit Mitgliedern aus 95 Ländern. Der Austausch über die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels ist täglich. Erfahrungen aus Ländern, die bereits stark betroffen sind, fließen in die gemeinsame Strategie ein.
„Unser Job als Zentralbanker ist es, für stabile Preise und ein robustes Finanzsystem zu sorgen. Durch den Klimawandel kann vieles teurer werden, vor allem Nahrungsmittel und Energie. Das Wirtschaftswachstum kann leiden und das Finanzsystem unter Druck kommen.“
Szenarien für die Zukunft
Gemeinsam mit anderen Zentralbanken wurden Szenarien für die nächsten fünf Jahre entwickelt. Diese Modelle zeigen, wie unterschiedliche Klimapolitiken die Wirtschaft beeinflussen könnten. Das günstigste Szenario, der sogenannte „Highway to Paris“, geht von frühzeitigem und globalem Klimaschutz aus. Selbst in diesem Fall würde die Inflation in der EU zeitweise um bis zu 0,5 Prozentpunkte über einem Basisszenario liegen. Die Wirtschaftsleistung könnte jedoch um 0,1 Prozent höher ausfallen.
Faktencheck: Klimafolgen in Zahlen
- EU-Inflation: Bis zu 0,6 Prozentpunkte höher bei extremen Wetterereignissen.
- EU-Wirtschaftsleistung: Rückgang um bis zu 4,8 Prozent im schlimmsten Szenario.
- Asien-Wirtschaftsleistung: Rückgang um bis zu 6,3 Prozent.
- Asien-Inflation: Anstieg um bis zu 1,2 Prozentpunkte.
- Pakistan 2022: Inflation stieg nach Überschwemmungen um 17 Prozentpunkte, Nahrungsmittelpreise um 40 Prozent.
Das schlechteste Szenario nimmt an, dass es keinen Fortschritt beim Klimaschutz gibt und in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Extremwetterereignisse auftreten. Solche Ereignisse, die statistisch nur alle 50 Jahre vorkommen, würden die Wirtschaftsleistung in der EU um bis zu 4,8 Prozent verringern. Die Inflation würde sich um bis zu 0,6 Prozentpunkte erhöhen. In Asien wären die Folgen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6,3 Prozent und einer Inflation von bis zu 1,2 Prozentpunkten noch drastischer.
Die schleppende Energiewende und ihre Folgen
Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist ein zentrales Risiko. Viele Menschen in Deutschland glauben, dass die Ablösung von fossilen Brennstoffen bereits weit fortgeschritten ist. Doch die Realität sieht anders aus. Deutschland importiert 67 Prozent seiner Energie, und der größte Teil davon sind fossile Brennstoffe. Eine Analyse der US-Zentralbank Fed zeigt, dass Europa pro Jahr nur etwa drei Prozent seines Energieverbrauchs von fossilen auf erneuerbare Quellen umgestellt hat. Das ist ein sehr langsamer Fortschritt.
Hintergrund: Die Straße von Hormus
Die Schließung wichtiger Seewege wie der Straße von Hormus kann globale Auswirkungen haben. Solche Ereignisse machen deutlich, wie anfällig die Energieversorgung bei geopolitischen Spannungen ist. Sie können die Preise für fossile Brennstoffe in die Höhe treiben und die Notwendigkeit einer unabhängigeren, erneuerbaren Energieversorgung unterstreichen. Die Bundesbank beobachtet solche Entwicklungen genau, da sie direkte Auswirkungen auf die Preisstabilität haben.
Die aktuelle Situation, in der Benzin und Heizöl teurer werden, könnte paradoxerweise die Energiewende beschleunigen. Wenn die Menschen die Kosten fossiler Brennstoffe direkt spüren, sind sie eher bereit, auf erneuerbare Energien umzusteigen. Dies ist ein wichtiger Faktor für die Risikokalkulation der Bundesbank.
Wasserknappheit und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen
Die wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels beschränken sich nicht nur auf Wetterkatastrophen. Ökosysteme spielen eine enorme Rolle für die Wirtschaft. Deutschland hat beispielsweise zwischen 2002 und 2021 ein Wasservolumen verloren, das dem Bodensee entspricht. Dieser Verlust wirkt sich signifikant auf die Wertschöpfung aus.
Unternehmen benötigen Wasser in vielen Produktionsketten: zur Bewässerung in der Landwirtschaft, für Kühlkreisläufe in Fabriken und Datenzentren. Die Chemie-, Bekleidungs- und Autoindustrie sind stark von Wasser abhängig. In Frankreich mussten Atomkraftwerke gedrosselt oder vom Netz genommen werden, weil die Flüsse zu warm wurden, um als Kühlwasser zu dienen. Als der Rhein 2018 aufgrund von Trockenheit an mehreren Stellen nur noch wenige Zentimeter tief war, konnten keine Schiffe mehr fahren. Dies führte zu einem Anstieg der Benzinpreise.
Diese Entwicklungen haben direkte Folgen für Banken. Mehr als die Hälfte der ausstehenden Kredite, die deutsche Banken bis 2025 an Unternehmen vergeben haben, sind wasserabhängig. Es ist entscheidend, dass Banken diese finanziellen Risiken erkennen und mit ihren Kunden darüber sprechen. Eine Bank möchte sicherstellen, dass Unternehmen ihre Kredite zurückzahlen können.
Versicherungen und die ungedeckten Schäden
Klimarisiken sind für Versicherungen seit Langem ein großes Thema. Prämien für den Schutz gegen Elementarschäden an Immobilien und Fabriken sind in den letzten Jahren gestiegen. In den USA weigern sich Versicherungen bereits, bestimmte Regionen überhaupt noch abzudecken, oder die Prämien werden unbezahlbar. Diese Entwicklung könnte auch in Europa eintreten, insbesondere in Gebieten nahe am Wasser. Dort wird es dann schwierig, überhaupt noch zu investieren, da für Immobilienkredite in der Regel eine Versicherung erforderlich ist.
Im Jahr 2025 führten klimabedingte Naturkatastrophen weltweit zu wirtschaftlichen Schäden von 224 Milliarden US-Dollar. Davon waren jedoch nur 108 Milliarden US-Dollar versichert. In wohlhabenden Ländern springt der Staat oft ein. Nach der Flut im Ahrtal stellten Bund und Länder beispielsweise ein Sondervermögen von 30 Milliarden Euro bereit. Solche Ausgaben reißen jedoch Lücken an anderer Stelle im Haushalt.
- Globale Schäden 2025: 224 Milliarden US-Dollar durch Naturkatastrophen.
- Versicherte Schäden: Nur 108 Milliarden US-Dollar.
- Ahrtal-Flut: 30 Milliarden Euro Sondervermögen von Bund und Ländern.
Es ist entscheidend, solche Katastrophen zu verhindern, um sowohl menschliches Leid als auch enorme finanzielle Belastungen für die Gesellschaft zu vermeiden. Die Bundesbank ist optimistisch, dass das Schlimmste noch abgewendet werden kann, wenn die Menschen aktiv werden und sich als Teil der Lösung sehen. Der Klimawandel ist kein unabwendbares Schicksal, sondern kann verlangsamt werden – aber nur, wenn jetzt gehandelt wird.





